Kommentar

Kalter Krieg, warme Worte

Im Vergleich zur aktuellen Lage erscheint der „Cold War“ als gute Zeit

Richtig hässlich war der Kalte Krieg für die allermeisten Menschen im Westen eigentlich nur im Kino. Dort tobte unerbittliche und höchst persönliche, bis zum Untergang ausgetragene Feindschaft der Systeme, mit allen nur erdenklichen Mitteln, im Schatten eines die gesamte Menschheit vernichtenden Atompilzes – wie etwa im „Spion, der aus der Kälte kam“ oder „Gorky Park“. Im westlichen Alltag dagegen ging es weder kalt noch anderweitig lebensfeindlich zu.

Gewiss, den einen oder anderen irritierte der Atombunker in Nachbars Garten schon, so etwas konnte aber die gelassene Stimmung kaum trüben. Man sonnte sich in der Übersichtlichkeit der Verhältnisse. Und die waren in ihrer Eindimensionalität von erleichternder Schlichtheit – wie es ja auch der spätere US-Präsident Ronald Reagan 1977 als Zusammenfassung seiner globalen Strategie im Kampf der Systeme formulierte: „Wir gewinnen, sie verlieren.“ Und so ist es ja dann auch gekommen.

Wen soll es nun also eigentlich schrecken, wenn jetzt wieder von einem neuen Kalten Krieg die Rede ist? „Wir wollen keinen kalten und schon gar keinen heißen Krieg mit Russland“, sagte US-Verteidigungsminister Ashton Carter erst am Montag bei seiner Berlinvisite. Er äußerte dies im Zusammenhang mit Ankündigungen der USA, im Osten Europas schwere Waffen zur Abschreckung weiterer russischer Aggression zu stationieren. Kremlchef Wladimir Putin hatte daraufhin bereits eine beschleunigte Modernisierung atomarer Langstreckenraketen angekündigt. Ein neuer Rüstungswettlauf ist also bereits im Gange, und damit ein wesentliches Merkmal des Kalten Krieges erfüllt. Ein Wettlauf, den die freie Welt doch in durchaus angenehmer Erinnerung haben kann.

Seit gut zwei Jahren schon wird ein wieder heraufziehender „Cold War“ als Metapher für die Weltkonfliktlage bemüht. Als der vormalige US-Geheimdienstler Edward Snowden 2013 in die Arme des Kreml flüchtete und dort nicht nur das moralische Überlegenheitsgefühl der westlichen Geheimdienstwelt, sondern wohl auch nachrichtendienstlich höchst Werthaltiges gleich mitablieferte, blühte die alte Blockkonfrontation wieder auf. Mit den kriegerischen Landnahmen Russlands auf der Krim und anderswo in der Ukraine wurde aus dem nach 1989 nie wirklich entspannten Verhältnis zwischen West und Ost wieder eine klare Frontstellung – inklusive russischer Versuche, die Deutschen wie schon einmal als Überläufer zwischen alle Blöcke zu setzen. Also alles wie gehabt? Fehlt nur noch, dass „wir gewinnen, sie verlieren“, weil „sie“ wieder einmal ökonomisch das Wettrüsten nicht durchhalten werden?

Schön wär’s. Denn im Vergleich zur alten Blockkonfrontation erscheint die aktuelle Lage in mehrerlei Hinsicht wesentlich unangenehmer und der Kalte Krieg dagegen als eine geradezu gute alte Zeit. Insofern sollte die Absage des US-Verteidigungsministers an eine Rückkehr zum Kalten Krieg keinesfalls beruhigen. Zumal: Moderne Kriege werden aus dem Dunkeln heraus geführt. Und dort, wo sie bei Tageslicht und ad personam stattfinden, sorgt hybride Kriegsführung im Partisanenstil, wie sie früher vielleicht als Stellvertreterkrieg in der Dritten Welt üblich war, zur Vernebelung des Schlachtfelds. Was nicht nur die Grenze zwischen „Krieg“ und jeder Art von Terrorismus bis zur Unkenntlichkeit verwischt, sondern die Aktion jederzeit bis vor unsere Haustür vorrücken lassen kann – im Falle der Ukraine ja sogar in materiell konventioneller Gestalt.

Es wird also diesmal nicht nur im Kino richtig hässlich werden, was da auf uns zukommen kann, ganz anders als zu guten alten kalten Kriegszeiten. Und das reagansche „Wir“ ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Gegen die Durchsetzung einer neuen Hochrüstung in der deutschen Bevölkerung dürfte jedenfalls der Kampf für die – seinerzeit für den Sieg des Westens im Kalten Krieg mitausschlaggebende – Nato-Nachrüstung ein Spaziergang gewesen sein.