Debatte

Hilfloses Klagen nach dem Massaker

US-Präsident Obama fordert wieder ein schärferes Waffenrecht. Wieder wird nichts geschehen

Sie sitzen um einen mit Papierstapeln bedeckten Tisch und diskutieren, fast wie bei einer Firmenkonferenz oder einer Abteilungsbesprechung. Aber das Büro, in dem die Szene aufgenommen wurde, befindet sich in der Kirche Emanuel African Methodist Episcopal in Charleston, und die Afroamerikaner am Tisch sprechen über Religion und Glauben. Einmal sieht man am Rande ganz kurz einen jungen Weißen sitzen.

Die Videobilder wurden vom 26-jährigen Tywanza Sanders über den Onlinedienst Snapchat ins Internet geschickt. Nur Minuten später stand der Weiße auf und zog eine Pistole. Dylann Roof tötete neun Afroamerikaner, darunter Sanders, der den Kurzfilm aufgenommen hatte. Das war am Mittwochabend gegen 21 Uhr. Das Motiv des 21-jährigen Täters: Rassismus.

Roof, der nach Ansicht des ermittelnden FBI allein handelte, wurde am Donnerstagvormittag am Steuer seines Autos bei einer Verkehrskontrolle in Shelby im Nachbarstaat North Carolina festgenommen. Eine Frau in einem anderen Auto hatte ihn anhand seines Fahndungsfotos im Fernsehen wiedererkannt. Sie folgte dem Wagen Roofs fast 60 Kilometer auf der U.S. Route 74, bis er kurz vor elf Uhr von der Polizei gestoppt wurde. Der Täter hatte eine Schusswaffe bei sich, leistete aber keinen Widerstand. Am Nachmittag wurde die Kaution für Roof von einem Richter auf eine Million Dollar festgesetzt. Der mutmaßliche Täter war per Video aus dem Gefängnis zugeschaltet. R. zeigte keine Regung, auch als Angehörige der Opfer im Gerichtssaal emotionale Stellungnahmen abgaben. Die Mutter eines Opfers sagte: „Jede Zelle meines Körpers tut weh“.

Vor den Schüssen hatte Roof rund eine Stunde in der Runde als vermeintlicher Gläubiger gesessen, wie die Snapchat-Bilder zeigen. Eine Frau verschonte er, damit sie, wie er ihr sagte, berichten könne, was geschehen sei. Ein fünfjähriges Mädchen und ihre Tante überlebten, weil sie sich nach den ersten Schüssen auf den Boden warfen und tot stellten. Zu Sanders, der ihn während des fünffachen Nachladens seines Magazins vergeblich aufforderte, mit dem Schießen aufzuhören, sagte Roof: „Ich muss das tun. Ihr vergewaltigt unsere Frauen und ihr übernehmt unser Land. Und ihr müsst gehen.“ Sechs Frauen und drei Männer starben durch seine Schüsse.

Der in Eastover (South Carolina) lebende Mörder gab an, arbeitslos zu sein. Die Schule brach er möglicherweise nach der neunten Klasse ab. In den vergangenen Monaten wurde er im Zusammenhang mit kleineren Drogendelikten zweimal von der Polizei kurzzeitig verhaftet. Bekannten gegenüber soll er über Pläne berichtet haben, Menschen zu töten. Ernst genommen wurde er in seiner Umgebung offenkundig nicht. Zum 21. Geburtstag im April schenkte ihm sein Vater eine Pistole vom Kaliber 45.

Der Anschlag auf die schwarze Methodistengemeinde gehört zu den 20 schwersten Massakern in der US-Geschichte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und erinnert die Nation daran, dass es neben importiertem Terror auch einheimische Extremisten gibt, die bereit sind, für verquere Ansichten zu töten. Das Entsetzen der Amerikaner über den Anschlag ist echt – und trägt doch Züge einer Routine. Da ist der Präsident, der mit resignativem Unterton eine erneute Debatte über das Waffenrecht einfordert. Irgendwann müsse das Land sich darüber klar werden, „dass diese Art von Massengewalt in anderen entwickelten Ländern nicht in dieser Häufigkeit geschieht“.

Da sind aber auch jene, die die These vertreten, hätten einzelne Gläubige in der Kirche selbst eine Waffe getragen, hätten sie den Rassisten stoppen können. Da sind die Befürworter schärferer Waffengesetze, deren Verfechter es sich ähnlich leicht machen. Außerdem kursieren im Internet wieder Verschwörungstheorien. Auf der einschlägigen Seite Infowars.com etwa wird behauptet, Roof habe kaum seine Facebook-Seite benutzt und unter seinen 80 dortigen Freunden gebe es mehrere Afroamerikaner. Inwiefern dies den Täter entlasten soll, bleibt unklar.

Obama hat in den über sechs Jahren seit seinem Amtsantritt im Januar 2009 auf mindestens zehn Massaker und Amokläufe reagieren müssen. Zu den blutigsten gehörte der Anschlag eines islamistischen Militärpsychiaters, der im November 2009 in Fort Hood (Texas) 13 Menschen erschoss. Besonders herzzerreißend in der Reihe dieser monströsen Taten bleibt die Tragödie von Newtown (Connecticut), wo ein junger Mann an der Grundschule Sandy Hook 27 Menschen erschoss, darunter vor allem Erstklässler. Im April 2013 ließen Islamisten beim Marathon in Boston selbstgebastelte Sprengsätze explodieren. Sie töteten vier Menschen.

Roof sitzt inzwischen in einem Gefängnis in South Carolina. Er hat nach seiner Festnahme darauf verzichtet, Rechtsmittel gegen seine Auslieferung in seinen Heimatstaat einzulegen, der zugleich Tatort ist. Ihm droht im anstehenden Prozess die Todesstrafe.