Hilfe

Mediziner retten jetzt selber Flüchtlinge

Organisation Ärzte ohne Grenzen reagiert auf fehlende staatliche Hilfe – und greift ein

Anfang Mai hat es den Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen gereicht. „Wir konnten einfach nicht weiter zusehen, wie das Mittelmeer zum Massengrab wird“, sagt der Geschäftsführer der deutschen Sektion, Florian Westphal. Die Hilfsorganisation charterte ein Schiff inklusive Kapitän, kaufte ein zweites und ging mit einem Team an Bord eines dritten Schiffes aus Malta. Mit den drei Schiffen sind die Ärzte nun im Mittelmeer unterwegs, um Booten mit Flüchtlingen zu Hilfe zu eilen, die zu kentern drohen. 3800 Menschen haben sie in den vergangenen sechs Wochen gerettet – in etwa so viele, wie im vergangenen Jahr auf ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunken sind.

„Allein vergangene Woche waren unsere Teams an einer Rettungsaktion beteiligt, bei der mehr als 2000 Menschen auf fünf völlig überfüllten Holzbooten zu sterben drohten“, sagte Westphal, der gerade aus Sizilien zurückgekehrt ist. Dort kooperieren die Ärzte mit den lokalen Behörden, die anhand von Satellitenbildern oder Notrufen darüber informiert werden, wenn sich ein Schiff zwischen Sizilien und Tunesien, Libyen und Ägypten in Seenot befindet. Italiens Marine rückt dann mit ihren Booten aus, und nun auch die Ärzte. „Wenn wir ankommen und das Schiff sehen, ist das meist der schwierigste Moment“, berichtet Westphal. „Man kann nur unzählige Köpfe an Bord erkennen, aber nicht einschätzen: Wie viele Menschen befinden sich noch unter Deck?“

Aufruf zum Ruhigbleiben

„Sobald sie das nahende Schiff sehen, laufen sie alle auf eine Seite, so dass ihr Boot zu kentern droht“, berichtet Westphal. Das Rettungsteam bemühe sich, so schnell wie möglich über Lautsprecher zu versprechen, dass niemand zurückgelassen werde, und aufzurufen, ruhig zu bleiben. Die Menschen werden an Bord geholt und ärztlich versorgt. „Viele haben die Krätze“, sagt Westphal, eine parasitäre Hautkrankheit. „Oft sind sie dehydriert, haben schwere Hautverbrennungen, viele Schwangere müssen dringend versorgt werden.“ Wasser läuft in die Boote, Treibstoff entweicht und verätzt die Haut. Von Ärzten und Helfern bekommen sie Wasser, Energieriegel, Kleidung.

Die meisten Flüchtlinge werden in das Erstaufnahmezentrum in Pozzallo auf Sizilien gebracht. Das alte Lagerhaus wird von Soldaten bewacht; hier leistet Ärzte ohne Grenzen medizinische Hilfe. „Die Menschen schlafen in großen Hallen in Etagenbetten, bekommen die Möglichkeit zu telefonieren und registriert zu werden“, sagt Westphal. Platz ist eigentlich nur für 180 Menschen; doch manchmal kommen auf einen Schlag fünfmal soviel. Höchstens 72 Stunden sollen die Flüchtlinge hier bleiben, um dann auf andere Aufnahmezentren verteilt zu werden, von denen aus dann die Asylverfahren eingeleitet werden. Doch viele bleiben mehrere Wochen. Im vergangenen Jahr strandeten rund 30.000 Menschen in dem kleinen Fischerdorf.

„Dass wir in einem Land wie Italien aktiv werden müssen, spricht für sich“, sagt Westphal. „Warum braucht es eine Nicht-Regierungsorganisation, die sich aus Spenden finanziert, um so grundlegende Hilfe zu leisten?“ Insgesamt sind derzeit mehr als 5000 Mitarbeiter für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz. 50 Helfer stammen aus Deutschland. Die Organisation finanziert sich zu mehr als 90 Prozent aus Spenden, die sich im vergangenen Jahr auf 113,4 Millionen Euro beliefen. „Wir fordern von öffentlichen Geldern finanzierte Rettungsaktionen, solange sie gebraucht werden“, sagt Westphal. „Außerdem legale Wege für Menschen, die fliehen müssen, um in die EU zu gelangen.“