Kommentar

Der Unvollendete

Warum SPD-Chef Sigmar Gabriel niemals Kanzler werden wird

Warum sagt es denn nicht endlich mal jemand: Sigmar Gabriel wird niemals Kanzler werden. Weil aber konsensual geschwiegen wird – Bosheit, Feigheit, Realitätsverlust –, zieht sich ein endloses Drama durch die Sozialdemokratie. Schleichend und öffentlich geht der SPD-Vorsitzende, Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler ein; nicht weil er schlecht wäre, sondern weil ihm eine berufliche Zukunft zugemutet wird, an der er scheitern muss. Im Umgang ist Gabriel durchaus kompetent, schnell, entschlossen und lustig. Aber er wird keine Bundestagswahl gewinnen. Einzig Rot-Rot-Grün wäre eine Machtoption, aber garantiert nicht lange. Gabriel hat noch nie eine große Wahl gewonnen. Ihm geht es wie vielen SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten zuvor, was gar nicht weiter schlimm ist, sofern nicht alle Welt irgendwelche Regierungschef-Fantasien schürt, die zugleich niemand ernst meinen kann. Denn mit dem Kanzlermärchen im Gepäck gerät jedes Handeln Gabriels in ein schiefes Licht; jede Inhaltsfrage wird sogleich zur Machtfrage und somit irrational bewertet, von allen Beteiligten.

An diesem Wochenende folgt die nächste Etappe der Demontage, wenn die Delegierten auf dem Parteikonvent in habitueller Fundamentalempörung über die Vorratsdatenspeicherung streiten. Unklugerweise hatte Generalsekretärin Fahimi das Ergebnis zum Nachweis der Regierungsfähigkeit ausgerufen, was ein weiterer Kündigungsgrund ist. Denn egal, ob knappe Mehrheit oder Niederlage für den großkoalitionären Kompromiss von Justizminister Maas (SPD) und Innenminister de Mazière (CDU) – beides wäre kein Ausweis von Regierungsfähigkeit. Ähnlich wird es bei TTIP sein. Im Fach Erwartungsmanagement kassiert die SPD-Spitze eine weitere Fünf. Merke: Gewinnt man ein Thema nicht absehbar deutlich, hängt man es so klein wie möglich in die hinterste Ecke und delegiert an Subalterne. Man nennt es Handwerk.

Neben der Größe, sich aus lästigen Themen herauszuhalten, gehören zum Kanzlersein: eisige Härte im Umgang mit parteiinternen Gegnern, Kümmerer-Image plus nahezu spirituell aufgeladenes Vertrauen beim Volk und schließlich eine unverwüstliche Kondition. Kohl und Schröder hatten das, Merkel ebenso. Gabriel leider nicht. Und die Wähler spüren das.

In den aktuellen Umfragen liegt die SPD bestenfalls bei 25 Prozent, nach dem Konvent wird es nicht besser. Dann wären da noch TTIP, die Streiks und der Dauerbrenner Energiewende. Ach ja, Edathy ist auch noch nicht vorbei. Und die Ruhestandsgeschäfte der Altgenossen. Gabriels politisches Wirken trägt einen permanenten Selbstbeschädigungsautomatismus in sich, weil jede Entscheidung an der Kanzlerin, an Schröder, an imposanten Mehrheiten und Triumphen gemessen wird. Selbst bei objektiven Erfolgen wird er stets als gescheitert dastehen, was auch an einer falschen Ressortwahl liegt. Während Sozialministerin Nahles die gute Tante sein darf, rackert Gabriel sich mit einem Sack voll Reizthemen ab. Von wegen Ludwig Erhard. Nur SciFi-Autoren mögen ein Szenario entwickeln können, wie der Unvollendete doch noch den großen Umschwung herbeiführen kann. Nach menschlichem Ermessen aber ist bis zur Bundestagswahl 2017 keines dieser Lichtlein zu sehen, die in höchster Not angeblich aufscheinen sollen.

Ehrlichmachen hilft, sagt der Therapeut. Also: Schluss mit Kanzlerfantasien. Glaubt eh keiner. Die SPD so lange angeführt zu haben, ist auch eine bemerkenswerte Leistung. Sich alle erdenklichen fiesen Themen aufgelastet zu haben, eine weitere. Befreit von absurden Karriereplänen könnte Gabriel sich taktische Spielchen sparen und seiner Partei einige Themen so zukunftsfest ins Programm schreiben, dass der oder die nächste Vorsitzende tatsächlich mehr Beinfreiheit bekommt, deren Fehlen der Kandidat Steinbrück zu Recht bemängelte. Dienen, so heißt es in den romantischen Abschnitten der Leadership-Literatur, Dienen sei die edelste Form des Führens. Als tapferer Soldat hat Gabriel allemal bessere Chancen, in die Geschichte der SPD einzugehen, als als gescheiterter Gernegroß.