Immer Hertha

Talent verpflichtet

Mitchell Weiser galt lange als hochbegabt. Bei Hertha BSC muss er das nun beweisen

Seit Mittwochnachmittag kann man getrost behaupten, dass Mitchell Weiser ein feines Gespür für Timing hat. Während sich allerhand Journalisten in Berlin die Finger wund tippten, dass der Flügelspieler vom FC Bayern zu Hertha BSC wechselt, postete Weiser zur selben Zeit ein Video bei Instagram: Zu sehen war der 21-Jährige, wie er beim Basketballspiel in einer Kölner Halle seine Kumpels umdribbelte, den richtigen Moment zum Pass in die Tiefe erkannte und selbst den Wurf von der Drei-Punkte-Linie traf.

Mitchell Weiser hat also Talent auf dem Basketball-Parkett. Aber eigentlich attestierten ihm schon früh die meisten Experten in Deutschland eine noch viel größere Begabung auf dem Fußballplatz. Bereits mit 17 Jahren stand Weiser 2012 zum ersten Mal für den 1. FC Köln in der Bundesliga auf dem Rasen und ist damit bis heute der jüngste Debütant des FC in der ersten Liga – noch vor dem Stadtheiligen Lukas Podolski. Der damalige Sportdirektor des FC Bayern, Christian Nerlinger, nannte Weiser „einen der talentiertesten deutschen Nachwuchsspieler“ und holte ihn für 800.000 Euro zum Rekordmeister nach München.

Das war ein steiler Aufstieg für einen, der bis dahin nur ein einziges Bundesligaspiel bestritten hatte. Mit der Berufung ins Team der hochpreisigen Profis um Bastian Schweinsteiger, Franck Ribery und Arjen Robben heftete Weiser fortan die Etikette „Hochbegabter“ an, was ja letztlich nichts anderes bedeutet als: Wenn alles normal läuft, wird der Mann selbst bald ein hochpreisiger Profi werden.

Weiser aber ist ein relativ preiswerter Spieler geblieben. Hertha bekommt ihn, wie der Klub am Donnerstag bestätigte, ohne eine Ablösesumme zahlen zu müssen. Das liegt daran, dass Weisers Vertrag in München nach drei Jahren und nur 16 Ligaeinsätzen nicht verlängert wurde. Und das wiederum könnte daran liegen, dass Weiser offenbar lange den Begriff des Talents überschätzt hat.

Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer berichtete, dass sie in München erst im letzten Jahr „eine Wandlung“ bei Weiser erkennen konnten. Und Weiser selbst gab zu, ihm habe länger die richtige Einstellung gefehlt. „Das habe ich eingesehen.“ Das klingt alles so, als hätte Mitchell Weiser seine eigene Begabung etwas verschleppt. Im Fußball gibt es dafür ja den gemeinen Begriff des „ewigen Talents“, aber das ist bei einem 21-Jährigen ja wohl noch ein bisschen zu früh. Und dennoch stellt sich mit Blick auf die Geschichte des Mitchell Weiser die Frage: Was bedeutet Talent? „Gaben, wer hätte sie nicht? Talente – Spielzeug für Kinder. Erst der Ernst macht den Mann, erst der Fleiß das Genie“, schrieb einst Theodor Fontane. Talent ist also nichts anderes als ein verdrecktes Geldstück, das man erst kräftig polieren muss, bis man sich davon etwas kaufen kann. In der Bibel taucht „Talent“ auch noch als Maßeinheit für eine bestimmte Menge an Silbermünzen auf. Der einstige Berliner Aufstiegsheld Ronny gilt als ziemlich gläubiger Mensch, aber aus seinem großen Talent am Ball hat der Brasilianer in den vergangenen zwei Jahren dennoch viel zu wenig Ertrag erwirtschaftet und muss Hertha deshalb wohl verlassen.

Mit Weiser hat Hertha ein Talent verpflichtet. Für den Klub ist das eine gute Nachricht. Aber er muss hoffen, dass Weiser nun verstanden hat: Auch Talent verpflichtet zum Ausschöpfen desselbigen – zumindest, wenn man es in der Leistungsgesellschaft Bundesliga schaffen will. Ein Vorbild für Weiser könnte diesbezüglich dessen eigener Vater sein: Patrick Weiser galt nie als Hochbegabter. Aber er brachte es als Linksverteidiger immerhin auf 270 Bundesligaspiele für Köln und Wolfsburg.

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