Bundespräsident

Gauck belächelt „Gutmenschen“

Migration: Drei Tage vor dem Weltflüchtlingstag besucht der Bundespräsident Hilfsprojekte in Gießen – und warnt vor blindem Aktionismus

Ein Blick ins Internet zeigt: Joachim Gauck wird gern als „Gutmensch“ tituliert, und nett gemeint ist das eher selten. Ob der Bundespräsident junge Inder nach Deutschland lockt („Wir haben Platz“), ob er der Opfer eines SS-Massakers in Frankreich gedenkt oder die Griechen, wie im Frühjahr 2014 geschehen, für ihre „Sparanstrengungen“ lobt: Immer wieder ätzen Leserkommentare, Blogs oder digitale Debattenbeiträge höhnisch über „Gauck, den Gutmenschen“. Soll heißen: Der Präsident mit seinem festen Auskommen bis zum Lebensende, mit Büro, Sekretärin und Wagen inklusive, habe leicht reden und könne große Worte gelassen aussprechen, weil sie ihn nichts kosten und kein persönliches Risiko bergen. Besonders häufig fällt der Begriff, wenn der Bundespräsident mal wieder einen Mentalitätswechsel im Land anmahnt und einen menschenfreundlicheren Umgang mit Flüchtlingen fordert. Dann geraten regelmäßig jene, die mental ziemlich tief in der rechten Ecke zu stehen scheinen, in Anti-Gutmenschen-Wallungen.

Erstaunlich ist daher, wenn Gauck das schwierige Wort selbst freimütig in den Mund nimmt – und das ausgerechnet für Menschen, die tatsächlich menschenfreundlich mit Asylsuchenden umgehen. „Bloßes Gutmenschentum kann man auch belächeln“, sagte der ehemalige Pastor aus Rostock, als er vor dem am 20. Juni stattfindenden Weltflüchtlingstag zwei ehrenamtliche Flüchtlingsprojekte in Gießen besuchte. Und: „Mir gefällt Ihr Ansatz sehr gut. Das ist besser, als wenn ein Gutmensch da reintobt in eine Flüchtlingseinrichtung und seine Transparente ausrollt.“

Natürlich wollte der Präsident damit eigentlich nur ganz besonders eloquent loben. Er wollte aus voller Brust Respekt zollen für das, was ihm in einer Berufsschule und der Gießener Universität präsentiert wurde. In der Friedrich-Feld-Schule helfen Schüler, teilweise selbst mit ausländischen Wurzeln, jungen Flüchtlingen beim Deutschlernen. Und in der „Refugee Law Clinic“ an der Universität werden Studenten diverser Fachrichtungen zunächst im Flüchtlingsrecht geschult, um danach in der hessischen Erstaufnahmestelle, wo die evangelische Kirche eine Beratungsstelle betreibt, Menschen in Asylfragen beizustehen.

Bestens vorbereitet

Gerade von dem studentischen Beratungsservice, von dem es bundesweit nur eine Handvoll gibt, war Gauck sehr angetan. Nach dem Motto „Butter bei die Fische“ werden dort den eingereisten Flüchtlingen harte Fakten von den Studenten präsentiert, „wertvolle Sachkenntnis“, wie der Präsident sagte. Er pries das „Zusammenwirken von bürgerschaftlichem Engagement und sicherem Wissen“: Wie sehen die gesetzlichen Rahmenbedingungen für ein Bleiberecht aus, darf man als Asylsuchender arbeiten, müssen Kinder in die Schule, wie sieht es mit Anträgen, Fristen, Ämtergängen aus, welche Fehler sollte man vermeiden? „Durch diese Beratung lernen die Flüchtlinge unser Gebäude des Rechts zu verstehen und akzeptieren“, sinnierte das Staatsoberhaupt nach einem Gespräch mit Professoren und Studenten in der ihm eigenen, blumigen Diktion.

Mit dieser Akzeptanz haben Gauck zufolge die „guten Menschen“ leider oft Probleme. Denn häufig bestehe bei ihnen eine „Distanz zum Gebäude des Rechts“, und zwar aus moralischen und ethischen Gründen. Gemeint war damit wohl, dass Menschen, die sich in der Betreuung von Flüchtlingen allzu emotional engagieren, womöglich nicht mehr die vom Gesetz gezogenen Grenzen akzeptieren wollten – also beispielsweise die Abschiebung einer Familie zu verhindern versuchten, obwohl es sich um einen sogenannten sicheren Herkunftsstaat handelt.

Gauck, der mit seiner bestens vorbereiteten Partnerin Daniela Schadt angereist war und sich für die Gespräche viel Zeit nahm, hatte an der Gießener Universität auch gleich ein Beispiel parat. Kurz zuvor noch hatte er in der Friedrich-Feld-Schule, wo Schüler andere Schüler beim Deutschlernen coachen, am Tisch mit einem Jungen aus Albanien gesessen. Er hatte ihm über die Schulter geschaut beim Versuch, Verben in der richtigen Zeitform in einen Lückentext einzufädeln, hatte angeregt mit ihm und anderen geplaudert und alle mit großer Geste gelobt. „Dieses Projekt hat den Lebensatem von Innovation und Wagemut“, sagt er. „Es zeigt: Die gehören zu uns und wir zu denen.“

Doch bei seinem Stopp an der Universität plädierte Gauck dann mit Verweis auf seinen kleinen Bekannten aus Albanien dafür, allen offen zu sagen, was geht und was nicht: „Bald wird er ein Stück Papier in der Hand halten, und Schluss, aus“, womit er gerechtfertigte Abschiebungen meint. „Das kann man nicht immer nur ganz schlecht finden.“ Die Kapazitäten würden eben von anderen dringender benötigt. Doch diese Einsicht in eine Notwendigkeit und Realität hält Gauck offenbar für problematisch bei „den treuherzigen Gemeindepflegern. Die sagen dann: Das sind doch alles Menschen, da müssen wir was machen.“

Doch drei Tage vor dem Weltflüchtlingstag war der Bundespräsident nicht den weiten Weg ins sonnige Nordhessen gereist, um nach Negativem zu suchen. „Es wird doch immer so viel gejammert, da lasse ich mir das Positive gern sogar zwei Mal sagen.“ So konnte er also frohgemut positive Eindrücke von gleich zwei Flüchtlingshilfsprojekten mit nach Hause ins Schloss Bellevue nehmen. Entsprechend begeistert gab er sich zum Abschied: „Das ist ein schönes Stück Deutschland.“

Die Einstellung der Bevölkerung habe sich im Vergleich mit vor 20, 30 Jahren schon spürbar verändert zugunsten derer, die Aufnahme suchten; die Bereitschaft zu helfen sei gewachsen. Er wisse zwar sehr wohl um Konflikte in Ballungszentren. Aber aufs Ganze gesehen sei es doch imponierend, wie viel Verständnis, Aufnahmebereitschaft und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung vorhanden sei. „Ich habe ein grundgutes Gefühl, wenn ich meinem Land begegne.“

Organisationen wie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen oder auch die Kirchen sehen das etwas anders. Kurz vor dem Weltflüchtlingstag am 20. Juni mahnen die Evangelische Kirche in Deutschland und die katholische Deutsche Bischofskonferenz, dass Deutschland mehr Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aufnehmen solle. Johann Weusmann, Vizepräsident der rheinischen Landeskirche, forderte die EU-Staaten dazu auf, humanitäre Hilfskorridore für Flüchtlinge von Afrika nach Europa einzurichten: „Wir treten dafür ein, dass Flüchtlinge bereits in afrikanischen Ländern ein Visum für Europa bekommen, um dann hier Asylverfahren durchzuführen.”

Das katholische Hilfswerk Misereor warnte davor, die Flüchtlingsfrage nur aus europäischer Perspektive zu betrachten. Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon sagte, die Vorstellung, dass ein Großteil der Flüchtlinge aus der ganzen Welt auf dem Weg nach Europa seien, „geht an der Wirklichkeit völlig vorbei“. Die 28 Länder der EU beherbergten derzeit weniger als vier Prozent der Flüchtlinge weltweit. Rund drei Viertel aller Flüchtlinge auf der Welt schafften es nicht einmal über die eigene Landesgrenze hinaus, geschweige denn nach Europa.