Kommentar

Berlin kommt im Zeitgeist an

Der Neue beherrscht das Vokabular. Er spricht über die „Corporate Identity“ der Staatsoper, er werde auf sein „Künstlernetzwerk“ zurückgreifen, möchte ein „modernes, offenes, vernetztes Opernhaus“ schaffen. Matthias Schulz hat den Jargon des modernen Kulturmanagers verinnerlicht. Mit Jürgen Flimm wird er erst gemeinsam und dann ab dem Frühjahr 2018 die Staatsoper alleinverantwortlich leiten. Und im Nebensatz erwähnte er auch seinen großen Unterschied zu Flimm, als er auf der Pressekonferenz am Mittwoch sagte, er bewundere Flimms „Instinkt“.

Denn ein außergewöhnlicher Instinkt ist nicht lernbar. Er macht den Menschen eigen, obsessiv, im besseren Fall genial, im ungünstigeren Fall unberechenbar. Frank Castorf, Claus Peymann, Jürgen Flimm sind allesamt Instinkt-Typen. Sie interessieren sich weniger für Prozessoptimierung und Kundenbindungsprogramme, sie sind Künstler mit angeschlossener Verwaltungstätigkeit. Sie leben für die Bühne. Ein beträchtliches Ego ist ihnen genauso gemein wie Charisma und ein harter Umgang mit den Mitarbeitern.

So passt es zur Zeit, in denen in der Wirtschaft bei Vorgesetzten ein partizipativer Führungsstil vorausgesetzt wird, dass an den Bühnen eine neue Philosophie einzieht. In den kommenden Jahren wird mit Oliver Reese, Chris Dercon und Matthias Schulz der Typus des verständigen, zuhörenden Leiters einziehen. Kulturstaatssekretär Tim Renner, der selbst aus dem Management kommt, holt sich Männer des gleichen Standes: Sie sind fleißig, pflichtbewusst, bildungsbeflissen, es sind Männer, die mehr an unermüdliche Arbeit als an außergewöhnliches Talent glauben. Sie sind Realisten, die um den Existenzkampf der Bühnen wissen, deren staatliche Förderung heutzutage nicht mehr gottgegeben ist, sondern die unter dem gleichen Rechtfertigungszwang wie jede Kita stehen.

Regisseur Hans Neuenfels hat den Gezeitenwechsel vor ein paar Tagen mit bewundernswertem Stoizismus auf den Punkt gebracht. „Es sind die Leute, die unseren Beruf jetzt definieren. Die Zeit braucht solche Leute, sonst kämen sie nicht in solche Berufe und Positionen.“