Frankenfelds Welt

Zerstörte Juwelen

Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und dem Iran bedroht uralte Kultur in Sanaa

Ein feuerroter Warnhinweis mit Ausrufezeichen begrüßt die Besucher der Homepage der Deutschen Botschaft in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen. Dann folgen die knappen Worte: Die Botschaft ist bis auf Weiteres geschlossen. Die drastische Maßnahme ist sicher nicht überzogen: Im Oktober 2013 war ein Sicherheitsbeamter der Botschaft erschossen worden. Und Sanaa selber ist Teil eines Kriegsschauplatzes geworden.

Im Jemen kämpfen zaiditisch-schiitische Huthi-Rebellen gegen die Anhänger des nach Saudi-Arabien geflohenen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi. Seit Ende März hat Nachbar Saudi-Arabien unter militärischer Mitwirkung von acht weiteren Staaten einen massiven Feldzug unter dem Namen „Sturm der Entschlossenheit“ gegen die Huthi begonnen. Denn das radikalsunnitische Regime in Riad beschuldigt den schiitischen Iran, die Huthi-Offensive zu benutzen, um den Einfluss Teherans bis an die saudische Grenze und darüber hinaus auszudehnen. Damit ist der Bürgerkrieg im Jemen zu einem weiteren Schlachtfeld im überregionalen Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, zwischen Sunniten und Schiiten, geworden. Die Saudis als traditionelle Hüter der Heiligen Stätten Mekka und Medina fürchten die Herausforderung durch die Mullahs in Teheran.

Der jemenitischen Hauptstadt Sanaa mit ihren zweieinhalb Millionen Einwohnern kommt im Islam und kulturell eine besondere Bedeutung zu. Der Prophet Mohammed selber soll 628 den Bau der ersten Moschee in jener Stadt in Auftrag gegeben haben, die nach einer alten Legende Noahs Sohn Sem als Gründer nennt und seit mehr als 2500 Jahren besiedelt ist. Sanaa war einst ein Zentrum für die Ausbreitung des Islam. Dort stehen heute noch mehr als 6000 Häuser, 100 Moscheen und 14 Hamams, also öffentliche Bäder, aus der Zeit vor dem 11. Jahrhundert. Seit 1986 gehört Sanaa mit Recht zum Weltkulturerbe.

Umso erschütternder ist, dass nach den barbarischen Zerstörungen antiker Stätten in Syrien durch die Horden des „Islamischen Staates“ nun auch Teile der Altstadt von Sanaa Opfer des Krieges geworden sind. Nach Augenzeugenberichten traf im Morgengrauen eine von einem Kampfjet abgefeuerte Rakete mehrere uralte Häuser und ein Haman, die unwiederbringlich in Trümmer sanken. Fünf Menschen starben. Irina Bokova, die bulgarische Generalsekretärin der Unesco, sagte, sie sei schockiert und total erschüttert über den Verlust an Menschenleben und über den Schaden, der einem der ältesten Juwelen islamischer Stadtlandschaften zugefügt worden sei. Prachtvolle, mehrstöckige Turmhäuser und schöne Gärten seien einfach in Schutt verwandelt worden. Die Häuser bestehen aus Lehm auf einem Steinfundament und sind mit geometrischen Mustern in islamischer Tradition aus gebrannten Ziegeln und Gips verziert.

Der Sprecher der saudischen Luftwaffe, Brigadegeneral Ahmed al-Assiri, beeilte sich angesichts der internationalen Empörung zu behaupten, dass saudische Jets keinen Angriff auf die Kulturstadt geflogen hätten. „Wir wissen doch, wie bedeutend diese Stätte ist“, sagte der General. Er vermutete, ein Munitionsdepot der Rebellen könne explodiert sein.

Auch der Große Staudamm von Marib, eine Meisterleistung der Antike, und das Nationalmuseum von Dhamar, 110 Kilometer südlich von Sanaa, wurden bereits angegriffen. Der Krieg im Jemen ist zu einer Geißel für die Menschen wie für die uralte Kultur des Landes geworden.

Thomas Frankenfeld greift jeden Donnerstag ein aktuelles Thema auf

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