Kliniken

„Ärzte und Pflegekräfte arbeiten am Limit“

Gutachter stellen 2252 Behandlungsfehler im vergangenen Jahr in Deutschland fest

„Wir tun alles dafür, dass es nicht zu einem Fehler in Diagnostik und Therapie kommt“, sagt der Rostocker Internist und Pathologe Andreas Crusius. Aber auch Ärzte sind fehlbar: Crusius stellte am Montag in Berlin als oberster Gutachter der Bundesärztekammer die neueste Statistik zu Behandlungsfehlern vor.

Danach bleibt trotz wachsender Arbeitsbelastung bei Ärzten und Pflegekräften die Zahl der festgestellten Behandlungsfehler weitgehend konstant. Die häufigsten Diagnosen, die zu Behandlungsfehlervorwürfen führten, sind aktuell Knie- und Hüftgelenkarthrosen sowie Unterarmfrakturen. Die häufigsten Fehler bei niedergelassenen Ärzten passieren aktuell bei Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren wie Röntgen oder Ultraschall. In der Klinik kommt es am häufigsten bei Operationen zu Fehlern.

7751 Fälle überprüft

Im vergangenen Jahr stellten Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen insgesamt 2252 Behandlungsfehler fest, das waren neun mehr als im Jahr davor. In vier von fünf Fällen (82,33 Prozent/1854 Fällen) wurde den Patienten ein Anspruch auf Entschädigung zuerkannt. Bei den übrigen Fällen (398) wurde zwar ein Behandlungsfehler festgestellt. Dieser führte laut Gutachten jedoch zu keinen „kausalen Gesundheitsschäden“.

Insgesamt trafen Gutachter und Schlichter – in der Regel Ärzte und Juristen – im vergangenen Jahr 7751 Entscheidungen, 171 weniger als im Jahr davor. In mehr als zwei Drittel der Beschwerden (71,1 Prozent) kamen sie zum Ergebnis: „Kein Behandlungsfehler.“ Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) registrierte davon unabhängig für 2013 insgesamt 14.585 Behandlungsfehlervorwürfe, fast doppelt so viele wie die Ärztekammern. Davon wurde ein Viertel (25,3 Prozent) von den Sachverständigen des MDK bestätigt.

Crusius sagte bei der Vorstellung der Statistik, „Ärzte und Pflegekräfte arbeiten am Limit – und manchmal auch ein Stück darüber hinaus“. Die enorme Arbeitsbelastung und der Druck, im Notfall schnell entscheiden zu müssen, gehöre zu den speziellen Risiken im Gesundheitswesen.

Dabei verwies Crusius darauf, dass die Zahl der ambulanten Behandlungsfälle in Deutschland zwischen 2004 und 2013 um 157 Millionen auf fast 700 Millionen angestiegen ist. Die Zahl der stationären Fälle erhöhte sich zwischen 2004 und 2012 um 1,8 Millionen auf 18,6 Millionen. Mehr Behandlungen bei gleichbleibender Fehlerquote zeige: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Die Zahl der festgestellten Fehler liege im Vergleich zu der Gesamtzahl der ambulanten und stationären Behandlungsfälle im Promillebereich, betonte Crusius.

Wenig hilfreich sei es, so Crusius weiter, wenn Ärzte, denen ein Fehler unterlaufen ist, als Pfuscher in Verruf gebracht werden: „Pfusch beinhaltet immer eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Auswirkungen des eigenen Handelns.“ Dies könne doch nicht allen Ernstes Ärzten, denen ein Fehler passiert ist, vorgeworfen werden.

Walter Schaffartzik, Ärztlicher Leiter des Unfallkrankenhauses Berlin und Vorsitzender der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern verwies auf die vielfältigen Möglichkeiten, Fehler künftig zu vermeiden. So würden die Behandlungsfehlerdaten bei Ärztekammern zu Fortbildungszwecken genutzt. Ärzte könnten zudem sogenannte Beinahefehler anonym über das System „CIRSmedical“ melden. Wichtig für die Fehlerprophylaxe seien auch externe Gutachter zu abgeschlossenen Fällen, sogenannte Peer-Reviews. Außerdem seien Fortbildungen für Notärzte mit Hilfe von Simulationen möglich und nötig. Seit 2012 können von einem mutmaßlichen Behandlungsfehler Betroffene auch auf die Hilfe eines ehrenamtlichen Patientenvertreters bei den Schlichtungsstellen setzen. In rund 90 Prozent der Fälle werden die Entscheidungen von beiden Parteien akzeptiert, hieß es.