Krieg

IS treibt Flüchtlinge zurück

Türkei hat Hunderte Syrer aus Tal Abjad nur zögerlich die Grenze passieren lassen

Die schwarz gekleideten Kämpfer der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) grinsen höhnisch über den Grenzzaun zu den türkischen Soldaten. Dann treiben sie Hunderte von syrischen Familien, die ihr ganzes Hab und Gut in Säcken auf Schultern schleppen, zurück nach Tal Abjad. Eigentlich waren die Bewohner an die Grenze geflüchtet, um weiter in die Türkei zu reisen. Aus Angst vor den kommenden Kämpfen hatten sie die syrische Grenzstadt verlassen. Doch dann kam ihnen am Sonntag der IS in die Quere: „Die Terrormiliz will unbedingt verhindern, dass Zivilisten aus Tal Abjad flüchten“, sagt Abu Ibrahim vom syrischen Informationsnetzwerk ‚Rakka wird langsam hingeschlachtet‘ (RSS). „Der IS braucht sie als menschliche Schutzschilde gegen Luftangriffe.“

Tal Abjad ist das vorläufig letzte Ziel einer im Mai gestarteten Großoffensive der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG. Im Laufe eines Monats wurde der IS-Terrorgruppe im Norden Syriens entlang der türkischen Grenze weit über 1000 Quadratkilometer abgenommen. Die radikal-sunnitische Organisation verlor wichtige Basen und Trainingscamps. Der erfolgreiche kurdische Feldzug scheint nicht einfach eine Episode des Bürgerkriegs zu sein, er könnte sich vielmehr entscheidend auf den Kampf gegen die IS-Islamisten auswirken. Die Kurdenmiliz YPG soll am Sonntag die Außenbezirke von Tal Abjad erreicht haben. Sie wollen den Ort zurückerobern, der seit eineinhalb Jahren IS-Bastion ist. Mit der Einnahme der Grenzstadt Tal Abjad würden die Kurden die IS-Nachschubroute nach Rakka abschneiden. Die YPG soll nur noch fünf Kilometer von der Verbindungsstraße in die IS-Hauptstadt in Syrien entfernt sein.

Neue Rekruten aus aller Welt

Für die Dschihadisten wäre der Verlust der Route ein harter Schlag und könnte sie in Bedrängnis bringen. Zumal es von Tal Abjad nach Rakka nur 90 Kilometer sind und ein Angriff auf die syrische Hauptbasis der Terrorgruppe nur als logischer nächster Schritt erscheint. Das Terrain bis nach Rakka ist flach und übersichtlich. Es gibt nur Dörfer und Weiler, kaum Orte, an denen sich die IS-Kämpfer mit ihren Waffen „unsichtbar“ machen könnten. Die amerikanische Luftwaffe könnte auch hier den Weg für die YPG freibomben. „Bei ihrer gesamten Offensive mussten die Kurden nicht viel tun“, meinte Abu Ibrahim von RSS. „Es gab kaum Gefechte, denn die Kampfjets haben alle Stellungen des IS aus der Luft zerstört.“

Alleine am vergangenen Wochenende soll die YPG 26 Dörfer eingenommen haben, was ohne Bombardierungen militärisch gesehen kaum machbar gewesen wäre. Das erinnert an den Siegeszug vom März bei Tal Hamis in der Provinz al-Hasaka. „Die Amerikaner haben den IS und seine Positionen entlang der Straße so schnell ausgeschaltet, dass wir bei der Bodenoffensive meist nicht hinterherkamen“, erzählte damals ein Kommandant der christlichen Miliz MFS, die gemeinsam mit der YPG kämpft.

Bisher gelangten über Tal Abjad neue Rekruten aus aller Welt in das Gebiet der Extremisten. Im wenige Kilometer entfernten Suluk wurden sie dann in einem Ausbildungslager des IS trainiert. Unter ihnen dürfte auch der Deutsche Yannick N. gewesen sein, der sich im April im irakischen Beidschi als Selbstmordattentäter in die Luft jagte. Auch Hayat Boumeddiene, die Witwe des Supermarkt-Attentäters in Paris und meistgesuchte Frau Frankreichs, soll über die Grenze bei Tal Abjad nach Syrien eingereist sein.

Rund 16.000 Menschen sollen insgesamt vor den Kampfhandlungen zwischen den Kurden und dem IS geflohen sein. Und die Türkei hat die Flüchtlinge nur zögerlich die Grenze passieren lassen. In einigen Fällen hat sie Wasserwerfer und Tränengas gegen die Menschen eingesetzt, die um ihr Überleben bangen. Doch am Montag wurden kurzfristig die Grenzen geöffnet. „Wenn die Türkei eine neue Welle von Flüchtlingen aus Tal Abjad akzeptiert, kann sie mit mehr als 100.000 Flüchtlingen rechnen“, sagte der stellvertretende Premierminister Numan Kurtulmus.

Er sehe keine humanitäre Krise, die vergleichbar mit Kobani oder anderen Teilen in Syrien wäre. Die Türkei hatte ihre Grenzen geschlossen, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen. Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2011 hat sie 1.8 Millionen Menschen aus dem Nachbarland aufgenommen.