Mamas & Papas

Tic Tac, Descartes und die Weltregierung

Kann Gott zaubern? Große Fragen einfach zu erklären, ist eine riesige Herausforderung

Kürzlich saß ich mit den Kindern im Auto. Die Tochter flötete ihren kleinen Bruder an, der neben ihr im Kindersitz saß: „Na, mein süßer kleiner Mops? Möchtest du einen Tic Tac von deiner Schwester? Oder möchtest du vielleicht lieber zwei? Mama!! Er hat zwei Tic Tac!! Dann möchte ich aber auch zwei haben, das ist doch sonst ungerecht!“ Sie kümmert sich wirklich rührend um sich und ihren Bruder.

Das findet sie selbst wohl auch, denn kurz darauf verkündete sie im Auto: „Ich will jetzt auch ein Baby haben.“ Hä???? „Ja, wirklich“, sagte sie verträumt. „Ich wäre so gerne eine Mutter.“ Ich: „ Wie schön, da hast du ja noch ganz, ganz, ganz viel Zeit. Bis du ganz, ganz groß bist und zu Ende studiert hast und dann immer noch nicht, weil du dann ja erst mal arbeitest, und dann immer noch nicht, weil…“

Tochter ernsthaft: „Mal gucken, ob der liebe Gott mir dann ein Baby schenkt.“ Kurze Pause. Tochter: „Der liebe Gott kann zaubern, oder?“ Ich: „Ja, grrrmmmpf.“ Tochter: „Ja, denn wo sollten sonst die Babys herkommen. Die zaubert der liebe Gott in den Bauch, oder Mama?“ Kurzes Zögern der Mutter – soll ich oder soll ich nicht? Sie ist doch gerade mal vier, man kann es mit dem Erziehungsauftrag auch übertreiben. Ich: „Ja, genau, die Babys kommen alle vom lieben Gott.“ Und das war genau genommen noch nicht einmal richtig gelogen, immerhin vergöttert sie ihren Papa ein bisschen.

So machen wir das zu Hause: Erkläre dem Kind die Welt und umschiffe die großen Klippen. Das ist nicht immer ganz einfach, weil man sich natürlich genau merken muss, mit welchen ausgedachten Erklärungen man den Wissensdurst der Kleinen irgendwann mal gestillt hat, denn sie merken sich jedes Detail. Tochter: „Mama, wann bin ich endlich erwachsen?“ Ich: „In 14 Jahren. Vielleicht.“ Tochter empört: „Aber du hast mir doch neulich gesagt, dass ich frühestens in 30 Jahren heirate??!!“ Ich: „Ja, stimmt ja auch beides ungefähr.“

Wer jetzt aber glaubt, das Kind lebe den ganzen Tag in einer Rosa-heile-Welt-Wolke, irrt. Als wir vor einigen Wochen auf dem Reiterhof den fetten Kater dabei beobachten mussten, wie er eine süße, kleine Maus fraß, wollte ich die Tochter eigentlich wegziehen, um ihr und vor allem mir den Anblick und das fiese Geräusch winziger brechender Knochen zu ersparen. Ich: „Ach, die arme kleine Maus.“ Tochter: „Aber die Katze hat doch Hunger. Die arme Katze soll doch nicht verhungern, huahuahua…!“ Ebenso viel Sachlichkeit legt das Kind an den Tag, wenn es um mein Ableben geht. Tochter: „Bist du jünger oder Papa?“ Ich: „Papa, aber nur ein ganz kleines bisschen.“ Tochter: „Dann stirbst du früher. Aber ich hab dann ja noch Papa.“

Es ist bei uns zu Hause natürlich nicht immer so, dass die Kleine nur Kreativerklärungen bekommt. Neulich hat sie mich gefragt, woher sie wissen kann, dass sie nicht einfach nur eine Puppe ist und ihr ganzes Leben nur träumt. Da habe ich sie in den Arm gekniffen. Tochter: „Aua.“ Ich: „Eine Puppe hätte das jetzt gar nicht gespürt.“ Tochter: „Vielleicht hab ich ja nur geträumt, dass das wehgetan hat. Ich hab eigentlich gar nichts gemerkt.“ Ich: „Okay, Kind, setzt dich hin. Sagt dir vielleicht der Name Descartes etwas?“

Völlig altersgerecht dagegen ist ihr Wunsch, eine Prinzessin zu sein. Das wollen sie ja alle in dem Alter, rosa Tutus und Feenstaub und so weiter. Da ist aber noch etwas anderes. Als ich sie fragte, warum sie unbedingt Prinzessin sein wolle, antwortete sie: „Weil ich dann die Welt regieren kann.“

Lesen Sie morgen: Berlin-London von Kate Connolly, Korrespondentin bei „The Guardian & The Observer“