Studie

Die neue Weltkarte der Energie

Wachstum braucht immer weniger Ressourcen. Auch der globale Verbrauch stagniert

Ungläubiges Staunen ernteten die Staatschefs der sieben führenden Industrienationen, als sie am Montag anlässlich des G7-Gipfels auf Schloss Elmau die „Dekarbonisierung der Weltwirtschaft“ zum Jahrhundertziel erklärten. Lässt sich der Energiehunger einer wachsenden Weltbevölkerung wirklich stillen, ohne dafür immer mehr Kohle, Öl und Gas zu verbrennen? Was die G7-Staatschefs in ihrer Schlusserklärung noch vorsichtig ihre „gemeinsame Vision“ nannten, wird schon drei Tage später durch den neuen Welt-Energie-Bericht der British Petroleum (BP) in den Bereich des Möglichen gerückt.

Die „BP Statistical Review“, eine weltweit einmalige Datensammlung zur globalen Energiewirtschaft, deutet tatsächlich auf eine „tektonische Plattenverschiebung in der globalen Energielandschaft“ hin, wie es BP-Vorstandschef Bob Dudley formulierte: „Die unheimliche Ruhe auf den Energiemärkten ist 2014 zu einem abrupten Ende gekommen.“ Was Dudley damit meint, könnte das Herz von Klimaschützern höherschlagen lassen. Denn laut den gestern in London veröffentlichten Zahlen ist das Wachstum des weltweiten Energieverbrauchs im vergangenen Jahr fast zum Stillstand gekommen, die Nachfrage stieg 2014 nur noch um 0,9 Prozent. Im Jahr zuvor war die Nachfrage nach Öl, Kohle, Gas und Strom dagegen um zwei Prozent und damit mehr als doppelt so stark gestiegen. Der zehnjährige Durchschnittswert von 2,1 Prozent wurde somit noch deutlicher unterschritten.

Konjunkturschwäche in China

Eine Erklärung für den nachlassenden Energiebedarf ist die relative Konjunkturschwäche in China. Die Wirtschaft im Reich der Mitte ist 2014 um 7,4 Prozent gewachsen, der schwächste Wert seit über 20 Jahren. Die Regierung von Premier Xi Jinping versucht nun, das Wachstum zu stabilisieren und gleichzeitig die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu verringern. Bei der chinesischen Nachfrage nach Öl beobachteten die BP-Analysten denn auch einen „unterdurchschnittlichen Verbrauch“, der Verbrauch von Kohle legte um magere 0,1 Prozent zu.

Erdöl blieb zwar auch 2014 mit einem Anteil von 32,6 Prozent der wichtigste Primärenergieträger der Welt. Doch verringerte sich der Weltmarktanteil von Erdöl nun schon im 15. Jahr in Folge. Der weltweite Kohleverbrauch wuchs nur noch um 0,4 Prozent – ein extremer Einbruch nach durchschnittlichen Wachstumsraten von 2,9 Prozent in den vergangenen zehn Jahren.

Die Steigerungsraten für den globalen Verbrauch von Erdgas waren ebenfalls schwach, der weltweite Handel ging um 3,4 Prozent zurück. Grund hierfür war unter anderem der milde Winter in Europa, der einen deutlichen Verbrauchsrückgang zur Folge hatte.

Zu den „tektonischen Verschiebungen“ zählt BP auch den anhaltenden Boom der US-amerikanischen Öl- und Gasproduktion. Die Gewinnung der Brennstoffe aus Schiefergesteinsschichten mithilfe der umstrittenen Fracking-Technologie erreicht allen voreiligen Abgesängen zum Trotz 2014 erneut Höchstwerte. So gelang es den USA als erstem Land der Welt, dreimal in Folge die nationale Ölproduktion um mehr als eine Million Barrel (Fass mit 159 Litern) pro Tag zu steigern. Damit überholten die USA im vergangenen Jahr Saudi-Arabien, den bislang größten Ölproduzenten der Welt.

In der Gasproduktion schoben sich die USA auch an Russland, dem bisherigen Weltmarktführer, vorbei. „In China war 2014 das Jahr des Pferdes“, kommentierte BP-Chefanalyst Spencer Dale die Entwicklungen: „In der Energiewelt war 2014 das Jahr des amerikanischen Adlers.“ Auch Kanada und Brasilien schoben sich mit neuen Produktionsrekorden auf der Liste der wichtigsten Ölstaaten nach vorne. Das bislang dominierende Kartell der Erdöl exportierenden Länder, die Opec, verlor demgegenüber an Boden. Weil die Opec-Staaten ihre Produktion lediglich stabil hielten, ging der Weltmarktanteil dieser Länder auf 41 Prozent zurück, den niedrigsten Wert seit 2003.

Die Welt werde Zeuge einer Wachablösung unter den wichtigsten Energielieferanten, sagte Dale weiter: „Die Geschehnisse auf dem Weltenergiemarkt 2014 erinnern uns daran, dass auf die Ruhe stets ein Sturm folgt.“

Tiefstwerte für den Energieverbrauch werden auch in Europa erreicht: Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union verbrauchten so wenig Energie wie seit 1985 nicht mehr und lagen 12,1 Prozent unter dem Wert des bisherigen Rekordjahres 2006. Um insgesamt 3,9 Prozent ging der europäische Energieverbrauch im vergangenen Jahr zurück.

Dass die in der OECD organisierten Industriestaaten Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch entkoppeln konnten, ist keine neue Nachricht: Die Energieintensität, die Menge an Energie, die es pro Euro des Bruttoinlandsprodukts braucht, ging im vergangenen Jahr noch weiter zurück und sank auf den niedrigsten Wert seit 1970.

Weniger fossile Energie

In den vergangenen Jahren ging das Wachstum des globalen Energieverbrauchs fast ausschließlich von den Schwellenländern aus. Diesmal aber ging auch der Energiehunger der wachstumsstarken jungen Volkswirtschaften überraschend weit zurück. Zwar nahm die Nachfrage hier immer noch um 2,4 Prozent zu.

Während sich laut BP-Bericht die Nachfrage nach allen fossilen Energieträgern deutlich verringerte, nahm die Bedeutung CO2-armer Energiequellen deutlich zu. So erreichten erneuerbare Energien im Bereich der Stromerzeugung und des Transports am weltweiten Verbrauch einen Anteil von drei Prozent. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren kamen Ökostrom und Biosprit kombiniert erst auf einen Anteil von 0,9 Prozent am globalen Energieverbrauch. Erneuerbare Energien in der Stromerzeugung wuchsen global um zwölf Prozent und erreichten damit nun einen neuen Rekordwert von sechs Prozent an der weltweiten Stromerzeugung. In China wurde bereits im fünften Jahr hintereinander mit einem Plus von 15,1 Prozent ein neuer Zubaurekord bei erneuerbaren Energien erzielt.