Kommentar

Folgeschäden der Diktaturen

Mit der Augenhöhe ist das so eine Sache. Wer sie lautstark einklagt, der hat sie eben nicht und sollte sich fragen, warum.

Der Hintergrund des Streits um die Offenlegung der NSA-Spähliste, mit der deutsche Parlamentarier Einblick in Operationen von US-Geheimdiensten nehmen wollen, ist jedenfalls ein fundamentales Misstrauen. In den USA will man sich nicht darauf verlassen, dass in Kreisen deutscher Parlamentarier Geheimes auch geheim bleibt. Dieses Misstrauen ist ebenso kränkend wie berechtigt.

Kränkend daran ist, dass damit Mitgliedern des Deutschen Bundestages Pflichtvergessenheit und bündnispolitische Illoyalität unterstellt wird. Ihre Berechtigung haben die amerikanischen Vorbehalte allerdings durch das tief gespaltene Verhältnis, das die Deutschen zu den Diensten haben, im Osten wie im Westen. Und keine der Fraktionen des Bundestages ist völlig frei davon. Dafür gibt es Gründe. Zwei durch Geheimdienste gestützte Diktaturen auf deutschem Boden haben Spuren hinterlassen, über Generationen hinweg. Die Deutschen befinden sich in Bezug auf ihr Verhältnis zu den Diensten immer noch in einer Art posttotalitärem Abklingbecken. Im Osten scheint bei vielen noch eine Art nachgeholter Widerstand gegen die DDR-Stasi dazuzukommen. Im angelsächsischen Raum dagegen ist die historische Erfahrung genau umgekehrt. Die Geheimdienste der Alliierten spielten einst eine Schlüsselrolle bei der Überwindung des Naziregimes, ihre Generäle gelten zu Recht als Freiheitshelden.

Solange sich hierzulande kein rationaleres Verhältnis zu Geheimdiensten entwickelt, bleiben deshalb auch deutsche Parlamentarier in den Augen der ehemaligen Kriegsalliierten ein Sicherheitsrisiko. Angesichts der Bedrohungslage würde es helfen, wenn die Deutschen ihr Verhältnis zu Geheimdiensten überdächten und unsere Erinnerungskultur weniger schematisch würde. Denn auch ein deutscher Geheimdienstadmiral wurde unter Hitler als Widerständler gehenkt, und bei der DDR-Stasi gab es ganz offenbar ebenso den einen oder anderen anständigen Menschen.