Extremismus

Wie der IS neue Kämpfer gewinnt

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Alfred Hackensberger

Die Terrormiliz hat eine neue Taktik entdeckt: Sie wirbt gezielt Heimkinder und jugendliche Obdachlose an

Sein Leben ist ein Scherbenhaufen. Wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz und Körperverletzung ist er mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Nun lebt er auf der Straße und weiß nicht, wie er über die Runden kommen soll. Als ihm Islamisten Hilfe anbieten, glaubt der obdachlose junge Mann, endlich eine bessere Welt mit Schutz und Geborgenheit, eine Zukunft und vor allen Dingen eine Familie gefunden zu haben.

Aber es ist eine perfide Täuschung. Mitte Mai setzen sie den 23-jährigen Yannick N. aus Freiburg, der unter geistigen Entwicklungsstörungen leidet, in einen mit 1,5 Tonnen Sprengstoff beladenen Lastwagen im Irak gegen ein militärisches Ziel. Im Internet wird er als heldenhafter Selbstmordattentäter der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) präsentiert. Die Sicherheitsbehörden wissen seit Jahren, dass die extremistische Organisation, die am Dienstagabend die Eroberung der libyschen Stadt Sirte bekanntgegeben hat, in Deutschland Kämpfer rekrutiert. Neu ist: Die Agitatoren der Terrorgruppe haben es gezielt auf die Schwächsten in der Gesellschaft abgesehen. Menschen wie Yannick sind ihren psychologisch ausgefeilten Methoden ausgeliefert.

Auf der Straße angesprochen

„Wir beobachten ein neues Phänomen“, sagt Berna Kurnaz von der Beratungsstelle Kitab in Bremen. „Seit der Jahreswende stellen wir fest, es werden Heimkinder, Obdachlose und unbegleitete jugendliche Flüchtlinge angesprochen. Das gab es vorher nicht.“ Kitab, was aus dem Arabischen stammt und übersetzt Buch heißt, ist ein Netzwerk, das Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter berät, die mit radikalislamischen Jugendlichen zu tun haben. „Vielleicht hat das Phänomen etwas mit der Gegenaufklärung zu tun, die wir und die anderen Beratungsstellen in Deutschland betreiben“, erklärt die Diplomsoziologin. „Die Anwerber haben es lange nicht mehr so leicht wie früher.“

Bei Yannick N. verlief die Mobilisierung rasend schnell, wie die „Badische Zeitung“ bei ihren Recherchen herausfand. Mitte 2014 soll es erste Anzeichen gegeben haben, dass sich der 23-Jährige einer radikalislamischen Gruppe zugewendet habe. Damals brach er den Kontakt zur Freiburger Straßenschule ab, die sich um jugendliche Obdachlose kümmert. Bekannte vermuten, dass er direkt auf der Straße angeworben wurde. Denn auf sozialen Medien im Internet sei er nicht aktiv gewesen. „Leider ist es unseren Mitarbeitern nicht gelungen, ihn trotz aller Bemühungen von seinem Weg abzubringen“, zitiert die „Badische Zeitung“ Thomas Rau, Regionalleiter des Vereins SOS Kinderdörfer, dem Träger der Straßenschule. Im allgemeinen Informationsaustausch mit der Polizei zum Thema IS seien die Beobachtungen über Yannick mitgeteilt worden. Trotzdem konnte der junge Mann fünf Monate später unbehelligt und unter seinem richtigen Namen aus Deutschland ausreisen. Im Oktober saß Yannick schon in einem Hotel in der osttürkischen Stadt Sanliurfa und wartete auf seinen Kontaktmann, der ihn nach Syrien bringen sollte.

Neue Rekruten wurden bei der IS-Terrormiliz bisher nicht so einfach aufgenommen, berichten deutsche Rückkehrer aus Syrien. Neue Kämpfer seien auf „Herz und Nieren“ geprüft worden und hätten zudem überzeugende Referenzen aufweisen müssen. Doch die IS-Miliz hat in den letzten sechs Monaten Tausende Kämpfer verloren. Sie braucht ständig Nachschub an Selbstmordattentätern, die ihre wichtigste Offensivwaffe sind. Alleine beim dreitägigen Angriff auf die irakische Stadt Ramadi vor über einer Woche wurden 50 Märtyrer in den Tod geschickt.

„Die radikalen Islamisten sind die zurzeit schnellstwachsende Jugendbewegung“, analysiert Kurnaz. „Je provokativer die Botschaften, desto attraktiver für Jugendliche.“ Es ist eine Szene mit eigener Jugendsprache, eigener Kultur und einer „Kameradschaft“, wie sie sonst nur bei Rechtsextremisten zu finden ist. „Vor Jahren war die Bezugsgruppe zwischen 16 und 20 Jahren“, erzählt Kitab-Mitarbeiterin Kurnaz. „Heute sind es Sieben- oder Achtjährige, die islamistische Kämpfer werden wollen.“ Auf dem Karneval hätten Kinder schwarze Turbane getragen und Puppen mit orangefarbener Kleidung dabei gehabt. Orange ist die Farbe der Anzüge, die die Gefangenen der IS-Terrormiliz tragen müssen. Einige Kinder antworten auf die Frage, was sie später werden möchten: „Gotteskrieger“.

„Problematische Familienverhältnisse sind oft zu beobachten“, sagt Claudia Dantschke von der Beratungsstelle Hayat („Leben“) in Berlin. Aber auch psychische Auffälligkeiten wie bei Yannick seien keine Ausnahme. Die studierte Arabistin hält die gesamte radikale Islamistenszene in Deutschland dafür verantwortlich. Einer der Rattenfänger sei Marcel Krass, der an Berufsschulen unterrichtete. Er produziert Videos und veranstaltet Reisen an die Heiligen Stätten des Islam nach Saudi-Arabien.

Hilflose in den Tod geschickt

Und dann ist da noch Ibrahim Abou-Nagie, der das „Lies!“-Projekt mitbegründete und Koranübersetzungen in deutschen Innenstädten verteilt. Nach außen hin zeige er sich harmlos, aber für junge Leute gebe es im Hinterzimmer „den richtigen Schliff“. Offiziell will der Palästinenser aber mit Gewalt nichts zu tun haben. „Es sieht so aus, als haben sich die Dinge verselbstständigt“, meint Dantschke von Hayat. „Die jungen Leute rebellieren gegen die altbackenen, moderaten Väter und machen, was sie wollen.“ Mit Yannick aus Freiburg hat das allerdings wenig zu tun. Er war ein hilfloses Opfer, das man sich gezielt ausgesucht hatte. Dass der Obdachlose kein Mann für die Front werden würde, war auf den ersten Blick klar. Yannick wurde eiskalt in den Tod geschickt.