Jungs Zeitgeist

„Du musst den Müllers absagen, Baby“

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Anleitung für die ersten und beliebtesten Sätze eines Action-Thrillers – im Nebenprogramm

Viele Menschen, die wie ich gefühlt auf die Lebensmitte zugehen, nehmen sich vor: Ich schreib ein Buch! Mich wundert immer, warum so wenige einen Song schreiben oder einen Film drehen wollen, ermuntere aber alle: Nur zu! Wenn man bedenkt, dass die unzähligen B- bis F-Movies auf dem TV-Kanal Tele5 mit den immer gleichen Textbausteinen und einer Minihandlung auskommen, dann schaffen Sie einen Actionthriller mit Berlinbezug doch mit links.

Für den Anfang bleiben Sie bei einem Dutzend Dialogsätzen, die dem Tele5-Publikum bestens vertraut sind: 1. Commander, wir gehen rein. 2. Ich hab ihn! 3. Ändern Sie den Satz „Bringen Sie mich auf die USS Cornflakes“ in „… auf die ‚Frettchen‘!“ 4. Es ist nicht vorbei! 5. Variieren Sie berühmte Filmzitate wie „Das ist keine Höhle, das ist ein Raumschiff“ (Prometheus) oder „Was ist das? Blaues Licht. Was tut es? Es leuchtet blau“ (Rambo). 6. Abflug um 0800! 7. Verständigen Sie den Präsidenten/die Kanzlerin. 8. Charlie 27, kommen! 9. Können Sie das Objekt identifizieren? 10. Geben Sie Ihre Position durch! 11. Das Ding greift Boston/Moabit an! 12. Du musst den Müllers absagen, Baby.

Nun zur Handlung: Der längst ausgestorben geglaubte Meeressaurier Pliosaurus ist durch ein russisches Atom-U-Boot wiederbelebt worden und bewegt sich durch die Havelseen auf Berlin zu. Marineoffizier Ricky Vollmer soll ihn mit dem Flugschnellboot „S76 Frettchen“ stellen und vernichten. Mit an Bord: der haushohe Robocop „Zenturion“. Auch ein zweiter verfolgt insgeheim den Meeressaurier: Mark Flumsch (Namen sind sehr wichtig!), er will das Tier gegen viel Geld am Funkturm ausstellen.

Erste Szene: Morgens bei Ricky zu Hause. Mutter: „Hast du auch ordentlich gefrühstückt?“ Partnerin Daniela: „Die Müllers haben uns heute Abend eingeladen, du kommst doch?“ Ein Telefon klingelt, Ricky hebt ab und sagt: „Verstanden. Abflug um 0800!“ Nächste Szene: Ein Helicopter landet im Vorgarten. Ricky: „Bringen Sie mich auf die ,Frettchen‘!“ Dritte Szene: Pliosaurus paddelt derweil durch den Schwielowsee und frisst ein Segelboot. Flumsch vor Ort im Sportflugzeug: „Ich hab ihn! Aber was ist das?“ Pilot: „Blaues Licht.“ Flumsch: „Was tut es?“ Pilot: „Es leuchtet blau.“ Flumsch zu seinen Leibwächtern: „Ihr springt ab und verfolgt den Saurier im Tauchmobil!“

Auf der Frettchen: Ricky macht den Robocop Zenturion startklar und steigt in die Kommandokapsel. Zenturion latscht durch die Havelseen. Verteidigungsministerin: „Haben Sie dafür eine Genehmigung?“ Ricky: „Ihr Clowns habt ja keine Ahnung.“ Brücke der „Frettchen“: „Wir haben ein Objekt geortet.“ Ricky: „Können Sie das Objekt identifizieren? Geben Sie Ihre Position durch!“ Die Funkverbindung bricht ab.

Flumschs Leibwächter verfolgen Pliosaurus, der bei Potsdam plötzlich in ein Gewächshaus abdreht. Leibwächter 1 an Flumsch: „Commander, wir gehen rein.“ Leibwächter 2: „Was ist das hier?“ Leibwächter 1: „Das ist kein Treibhaus, das ist ein Raumschiff!“ Pliosaurus entwischt. Ricky ruft Daniela an: „Du musst den Müllers absagen, Baby.“

Flumsch treibt Pliosaurus unterdessen im Sportflieger durch die Spree. Panik an der Putlitzbrücke. Peterwagen: „Charlie 27, kommen! Hier schwimmt was!“ Charlie: „Können Sie das Objekt identifizieren?“ Peterwagen: „Das Ding greift Moabit an!“ Ricky im Robocop erreicht den Hauptbahnhof, sichtet Flumschs Flieger, zermalmt ihn mit der Greifhand und kickt Pliosaurus nach Pankow, wo er in einem Vorgarten verendet. Peterwagen: „Es ist nicht vorbei! Er hat ein Ei gelegt!“

Ricky an die Frettchen: „Ich hab das Ei! Verständigen Sie die Kanzlerin.“ Ende.

Sehen Sie? Geht doch. Sie haben immerhin bis hier gelesen.

Irene Jung schreibt hier wöchentlich über Auffälliges aus dem Alltag

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