Kommentar

Der vierte Amtsverzicht

Torsten Krauel über Gregor Gysi und die Linke

Auf Wiedersehen, und wir sehen uns wieder. Gregor Gysi hat in den 25 Jahren seiner aktiven Politikerlaufbahn schon viel zu oft von Ämtern Abschied genommen, um den Verzicht auf den Fraktionsvorsitz als das letzte Wort in dieser erstaunlichen Karriere zu betrachten. Im Jahr 1989, nach dem Fall der Mauer und bei Gysis Einstieg in die Bundespolitik, gab kaum jemand noch einen Pfifferling für eine Partei links von der SPD. Jetzt, bei Gysis viertem Amtsverzicht – nach dem Rückzug als Parteivorsitzender, als Vorstandsmitglied und als Berliner Senator für Wirtschaft und Frauen – stellt die Linke einen Ministerpräsidenten, ist Oppositionsführerin im Bundestag und lockt die Sozialdemokraten mit einer rot-rot-grünen Bundesregierung.

Die seltsame Glaubenswelt der politischen Richtung, für die Gregor Gysi steht, hat in 100 Jahren eine atemraubende Kontinuität bewiesen. Einschließlich der Vorläufer und der ost-west-getrennten Spielarten elfmal umbenannt und umgegründet, war die KPD-SED-PDS-Linkspartei eine Pazifistengruppe, eine Kadertruppe der Weltrevolution, ein kleindeutsches Diktatorenschwert, ein Denunziantenparadies, dann unter Gysi ein leidenschaftlicher Debattierzirkel über eigene Fehler und zugleich Hüterin geraubten Vermögens und Heimat ehemaliger hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Immer aber hat die Gruppierung links von der SPD eine rote Linie gezogen. Diese Linie war ganz einfach und lautete: „Wie halten wir es mit der SPD?“

Die Antwort ist seit 100 Jahren stets dieselbe. Nicht wir, die Linken, sondern die SPD muss sich bewegen. Wir Linken, die Erben des maßgeblich in Deutschland erdachten Kommunismus, stehen bei den großen Themen auf der richtigen Seite. Die deutsche Sozialdemokratie ist von Friedrich Ebert und Otto Wels bis Gerhard Schröder und zum heutigen Vizekanzler Sigmar Gabriel stets auf der falschen Seite gelandet, hieß es stets bei den Linken. Denn die SPD macht Kompromisse mit der Demokratie, dem Kapital, den Bürgerlichen, dem Westen, Krieg und Frieden, mit Amerika. So redet die Linke auch heute noch. Die SPD, sagt sie, muss sich für Rot-Rot-Grün bewegen. Personen sind nicht entscheidend. Es kommt auf die Inhalte an.

Wer folgt Gregor Gysi an der Fraktionsspitze im Bundestag nach? Das ist aus diesem Grund wenig bedeutsam. Sahra Wagenknecht mag ihre Verzichtserklärung vom Frühjahr überdenken oder auch nicht, Dietmar Bartsch mag seine Chancen wägen. Gysi macht nach zehn Jahren als Fraktionsvorsitzer der Linken und mittlerweile drei Herzinfarkten Platz in der Tagespolitik. Aber die rote Linie bleibt seine Sache.

Bis zum Jahr 2017 gewinnt außer Gregor Gysi keiner die Statur, eine rot-rot-grüne Wende in Deutschland vielleicht doch herbeizuführen. Nur Gregor Gysi hätte die Statur und den Ehrgeiz, im entscheidenden Moment zu sagen: Wir machen es doch.