Die Linke

Rente mit 67

Gregor Gysi verabschiedet sich als Linke-Fraktionschef. Einmal bleibt ihm die Stimme weg

Das also ist der Satz, auf den sie das ganze Wochenende gewartet haben. Parteitag der Linken, Stadthalle Bielefeld, Sonntag, Punkt 13.30 Uhr: Vorn am Pult, vor der roten Wand, steht ein kleiner Mann im schwarzen Anzug, der seit über 25 Jahren die gleiche Brille trägt und fast genauso lange zum Spitzenpersonal der deutschen Politik gehört. Dann sagt Gregor Gysi gleich im ersten Satz, woran die meisten hier bis jetzt nicht so richtig glauben wollten. „Heute spreche ich letztmalig als Vorsitzender unserer Bundestagsfraktion auf einem unserer Parteitage.“ Und fügt hinzu: „Ich werde nicht erneut kandidieren, da die Zeit gekommen ist, den Vorsitz unserer Fraktion in jüngere Hände zu legen.“ Gysi ist ein Meisterredner, aber nüchterner geht es kaum. Kein Stöhnen geht durch den Saal. Keine Hand rührt sich zum Applaus. Keiner weint. Alle haben seit Wochen darüber spekuliert, dass er seinen Abschied nimmt. Aber dass Gysi das gleich zu Beginn seiner Rede verkündet, das überrascht nun doch fast alle. Es dauert, bis die mehr als 450 Delegierten begreifen, was hier gerade geschieht.

Ein enormer Umbruch

Für die Linke mit ihren 60.000 Mitgliedern in Ost und West ist das ein enormer Umbruch. Gysi hat die Partei über ein Vierteljahrhundert geprägt wie kein anderer – unabhängig davon, wie sie gerade hieß und ob er gerade Partei- oder Fraktionschef oder überhaupt nichts war. Das geht so seit Dezember 1989, als die Mauer eben erst gefallen war und Gysi sich zum Vorsitzenden der DDR-Einheitspartei SED wählen ließ. Zwischendurch, im Jahr 2000, verkündete er schon mal seinen Abschied aus der Politik. Das hielt nicht lange. Diesmal wird es anders sein. Gysi ist inzwischen 67. Er hat einen Hörsturz, eine Hirnoperation und drei Herzinfarkte hinter sich. Sein ältester Sohn ist Mitte 40, der Adoptivsohn und die Tochter aus der zweiten Ehe sind auch schon erwachsen. Und jetzt: Rente mit 67?

Es gibt nicht wenige in der Partei – und darüber hinaus –, die glauben, dass Gysi ohne Politik einsam ist. In den 50 Minuten Rede geht er darauf ein. „Ich habe viel zu wenig Freundschaften gepflegt, ich hatte viel zu wenig Zeit für meine Angehörigen. Das lag an mir. Weil ich zu selten Nein sagte, mich einfach zu wichtig nahm. Bei meinen Angehörigen, meinen Freundinnen und Freunden möchte ich mich aufrichtig entschuldigen. Es tut mir sehr, sehr leid.“ Dabei bricht ihm die Stimme weg. Erst nach einem Schluck Wasser kann er weitermachen.

Gysi verspricht, dass er loslassen will. Er werde „nicht heimlich versuchen, die Fraktion auf indirekte Art weiter zu leiten“. Abgeordneter will er bleiben, bis 2017. Ob auch darüber hinaus, das werde nächstes Jahr entschieden. Zu den Spekulationen über eine rot-rot-grüne Koalition nach 2017 sagt Gysi, er habe „nicht die geringste Absicht, Bundesminister zu werden, wirklich nicht“. Trotzdem werden ihm das nicht alle glauben. Was sicher ist: An der Spitze der Fraktion wird es nun wieder ein Doppel geben. Nicht mehr Ost und West, wie früher Gysi und Oskar Lafontaine, aber Frau und Mann, linker Flügel und Reformer. Dazu gibt es auch schon einen Parteitagsbeschluss. Gysi wehrte sich noch erfolgreich dagegen, dass seine Macht beschnitten wird.

Die Wahl findet nun nach der Sommerpause statt, zur Mitte der Legislaturperiode, am 13. Oktober. Die Entscheidung über die künftigen Oppositionsführer – die Linke hat im Bundestag einen Sitz mehr als die Grünen – liegt bei den 64 Abgeordneten. Das Vorschlagsrecht hat die Partei. Sie will rasch „liefern“.

Die naheliegendste Variante wären Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. Die beiden stehen für die bestimmenden Flügel der Partei. Sie: 45, aus dem Osten, radikale Linke mit hohem Promi-Faktor, nicht nur, weil sie mit Ex-Parteichef Lafontaine verheiratet ist. Wagenknecht sieht Koalitionen skeptisch, bekräftigt ihre Distanz zur SPD, deren Chef Sigmar Gabriel sie vorwirft, die Öffentlichkeit über das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA zu belügen. „Da fällt es einem wirklich schwer, in einer solchen Persönlichkeit einen möglichen Partner eines künftigen sozialen Regierungs- und Politikwechsels zu sehen“, sagte sie. Wagenknecht gilt als fast ebenso begnadete Rednerin wie Gysi. Sie ist aber auch eine Einzelkämpferin. Die Fähigkeiten zu führen, zu organisieren und zu integrieren werden ihr von vielen Kritikern abgesprochen.

Er: 57, ebenfalls aus dem Osten, auch er ein Machtmensch, gilt als einer der erfahrensten Strategen der Partei und vertritt die Pragmatiker, die eher zu Kompromissen bereit sind. Als Bundesgeschäftsführer überwarf er sich 2010 mit seinem damaligen Parteichef Oskar Lafontaine. Der warf ihm eine gezielte Intrige vor. Seitdem ist das Verhältnis der beiden gestört. Bartsch beschwor leidenschaftlich die Erfolge von Regierungsbündnissen wie in Thüringen, wo die Linke mit Bodo Ramelow erstmals einen Ministerpräsidenten stellt. Dies sei nur möglich, wenn die Partei sich nicht zerstreite: „Wir sind erfolgreich wenn wir zusammenstehen. Unsere Erfolge sind die Erfolge aller Flügel.“

Wagenknecht und Bartsch haben bei den Linken erbitterte Gegner, wären als Tandem aber wohl zu vermitteln. Ein Problem ist nur, dass Wagenknecht erst im März – einigermaßen überraschend – erklärt hatte, dass sie nicht mehr Fraktionschefin werden wolle. Als Grund gab sie damals nicht das schlechte Verhältnis zu Gysi an, sondern, nach der internen Niederlage in einer Griechenland-Entscheidung, mangelnden Rückhalt in der Fraktion. Jetzt müsste sie erklären, warum sie ihre Meinung so schnell ändert. Wagenknecht dürfte das nicht allzu schwer fallen. Zumal sich am Sonntag auch schon die ersten Reformer für sie stark machen.

Wagenknecht und Bartsch selbst sagen zu alledem erst einmal nichts. Aber sie werden sich wahrscheinlich schon in den nächsten Tagen erklären.

Zehn Minuten Beifall

Denn noch ist dies die Stunde von Gregor Gysi. In seiner 50-minütigen Rede entwirft er die Vision einer Mitverantwortung der Linken in der deutschen und europäischen Politik. Gysi spricht von einem „nicht ganz unbeachtlichen Akzeptanzschub“ für seine Partei in den vergangenen Jahren. Er gilt als wichtiger Fürsprecher einer Koalition mit SPD und Grünen. „Wir können und sollten auch auf Bundesebene regieren wollen. Und zwar selbstbewusst, mit Kompromissen, aber ohne falsche Zugeständnisse“, sagt er.

Am Ende kommt er doch noch, der Moment der großen Gefühle, nach seinem Appell „Macht aus alledem was draus!“, dem Dank an die Partei und an die Familie. Der Saal erhebt sich und klatscht, mehr als zehn Minuten lang. Bis sich Gysi zurück in die erste Reihe setzt: ein kleiner Mann, seit einem Vierteljahrhundert in der Politik, gleiches Brillenmodell wie damals.