Berlin–Paris

Auf die Barrikaden

Über Frankreich gibt es in Deutschland noch viele Klischees. Die Realität ist anders

Barrikaden, Aufstände und Streiks en masse: Glaubt man der deutschen Presse, ist Frankreich ein unregierbares Land, in dem rebellierende Gallier täglich die Abenteuer von Asterix und Obelix nachspielen. Die Römer sind lange weg. Der Feind, das sind die Regierung, die Arbeitgeber und andere lauernde Gefahren dieser Welt, angefangen mit der bösen Euro-Domina Angela Merkel.

„Le modèle allemand“, das deutsche Modell, ist natürlich im Gegenteil geprägt von einem stets friedlichen sozialen Klima mit braven harmoniesüchtigen Gewerkschaften; das Arbeitsrecht in Deutschland sieht für den Start eines Streiks hochkomplizierte Hürden und Fristen vor. Mit deutschen Regeln würden französische „Spaßaktionen“ wie die Geiselhaft von Patrons oder Misthaufen aufgebrachter Bauern vor Ministerien undenkbar sein.

Soviel zu den Klischees. Nun zur Realität: In Frankreich wird so wenig wie seit Jahren nicht mehr gestreikt. Die soziale und wirtschaftliche Krise des Landes, die mangelnde Glaubwürdigkeit von konkurrierenden Mini-Gewerkschaften gepaart mit der Akzeptanz der Bevölkerung für Reformen, erklären unter anderem diese Entwicklung. Und was passiert im sozial beruhigten Deutschland? An jeder Ecke wurde in den vergangenen Wochen gestreikt, angefangen mit den Lokführern der Bahn über die Kitas bis zu den Geldtransportern in Berlin. Deutsche ohne Bargeld: Die Welt geht zu Grunde.

Als der Bahnstreik die Republik lähmte, las ich mit Erstaunen das Interview eines französischen Gewerkschaftlers, der unsolidarisch mit seinen deutschen Kollegen unverblümt behauptete, er würde den GDL-Streik nicht verstehen, solche Aktionen würden eh keinen Sinn machen.

Unfassbar: Nun wollen die gallischen Sozialrevoluzzer ihren braven angepassten deutschen Kollegen erklären, dass Streiks sinnlos sind und dass man mit Verhandlungen und sozialem Dialog mehr erreicht. Die Welt steht Kopf.

Irgendwie drollig dieses Interview. Als Vermittler zwischen zwei Ländern, deren Dialog immer wieder von uralten Klischees und gelegentlichen Ressentiments geprägt ist, tun solche Entwicklungen gut. Dank ihnen kann man zeigen, dass fest verankerte Vorstellungen ihre Grenzen haben. Und wenn man dazu beitragen kann, veraltete Scheuklappen in den Heimatredaktionen wie in der Öffentlichkeit etwas aufzuweichen, hat man möglicherweise die Verlängerung seines Presseausweises verdient.

Bon, es ist noch zu früh, um die Schlussfolgerung zu ziehen, die Gallier hätten ihre Baskenmütze gegen eine Pickelhaube getauscht; die Goten sind noch nicht so kühn und stellen immer noch nicht Lenins Einschätzung in Frage, dass die Deutschen eine Bahnsteigkarte kaufen bevor sie einen Bahnhof stürmen.

Auf jeden Fall bleibt es immer wieder erstaunlich für einen Exil-Franzosen zu beobachten, wie schnell die hiesigen Medien, insbesondere die Boulevardpresse, von einem „Chaos“ beim kleinsten Streik sprechen, der bei Südländern höchstens ein Achselzucken verursacht. Das Wort tauchte häufiger in den vergangenen Wochen angesichts der zahlreichen Streiks, die das Land überrollten, auf. Wobei der Eindruck täuscht, denn die jetzigen Arbeitsniederlegungen finden in Dienstleistungsbranchen statt, in denen sie eine breitere Öffentlichkeit stören als zum Beispiel in der Metallindustrie. Politische Streiks wie in Frankreich, um eine Regierung in die Knie zu zwingen, damit diese ein Gesetzesvorhaben zurückzieht, sind in Deutschland unerlaubt und undenkbar. Wenn französische Zustände hierzulande herrschen, dann am ehesten bei den G7-Protesten in Elmau.

Lesen Sie morgen: Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen