Parteien

Frauke Petry organisiert die Machtübernahme in der AfD

Immer mehr führende Parteikollegen sprechen sich für Bernd Luckes Kontrahentin aus

Vergangen ist der Übermut, verschwunden alle Siegesgewissheit. Die AfD taumelt wie ein Boxer, bevor er zu Boden geht. Die AfD schaut auf ihren Vorsitzenden Bernd Lucke, der nicht weiß, ob er das Handtuch werfen soll. Sie schaut auf Frauke Petry, die inzwischen ganz unverblümt ihren Machtanspruch demonstriert, der aber längst nicht jedes Mitglied zutraut, die Partei einen zu können. Und so ist völlig ungewiss, ob die Alternative für Deutschland ihrem baldigen Ende oder einer ungewissen Zukunft entgegenwankt. Dabei hat sie es selbst in der Hand. Auf dem Parteitag in Kassel können die Delegierten die gesamte Parteiführung neu strukturieren. „Mit der neuen Parteispitze haben wir nur noch einen Schuss“, sagen führende AfD-Funktionäre. Inzwischen bringen sich für einen solchen Neuanfang Leute ins Spiel, mit denen vorher niemand gerechnet hätte. Zu ihnen gehört auch Paul Hampel, der Vorsitzende des Landesverbands Niedersachsen, in dem auch Lucke zu Hause ist. Selbst dort ist das Vertrauen in Lucke gänzlich aufgebraucht. „Lucke hat sich schon von der AfD verabschiedet“, sagt Hampel. Im Grunde hatten die Niedersachsen Lucke bereits zu Beginn des Jahres auf dem Parteitag das Vertrauen entzogen, als sie fast alle seine Kandidaten bei den Vorstandswahlen durchfallen ließen.

Jetzt will Hampel selbst ganz oben mit dabei sein. „Ich kann mir vorstellen, für einen Sprecherposten zu kandidieren“, sagt er. „Aber nur zu dem Zweck, die vielen liberalen AfD-Mitglieder mitzunehmen und zu repräsentieren, die wie ich von Bernd Lucke enttäuscht sind.“ Hampels Mitwirkung an der Parteispitze scheint zumindest im Petry-Lager bereits beschlossene Sache zu sein. Nicht ohne Grund, denn Hampel positioniert sich klar für die amtierende Co-Sprecherin und sächsische Landesvorsitzende: „Mit Frauke Petry kann man gut und konstruktiv zusammenarbeiten.“ Nach diesem Bekenntnis durfte der Niedersachse dann neben Petry und den Landesvorsitzenden von Nordrhein-Westfalen und Brandenburg, Marcus Pretzell und Alexander Gauland, als Vierter eine Einladung zu einer Länderkonferenz an „Landesvorsitzende, Landesvorstände und Bundesdelegierte“ unmittelbar vor dem Parteitag unterzeichnen. Es ist nicht schwer zu erraten, was dort beredet werden soll.

Tour durch die Landesverbände

Seit Wochen tourt Petry durch die Partei, um die Mitglieder für sich einzunehmen. Der frühere Frankfurter Stadtkämmerer Albrecht Glaser lässt sich mit den Sätzen zitieren: „Frauke Petry hat das politische Format, eine herausgehobene Führungsaufgabe in der AfD zu versehen.“ Ihre Standpunkte arteten „nicht in Besserwisserei und Rechthaberei“ aus. Letzteres war Lucke immer wieder vorgeworfen worden. So deutlich, wie sich nun einige Funktionäre zu ihr bekennen, so deutlich hat Petry eine weitere Zusammenarbeit mit Lucke ausgeschlossen. Für ihre Zukunft und die der Partei setzt sie vor allem auf Pretzell. Oft tritt sie mit ihm gemeinsam auf. Er ist der liberale Gegenpart zu ihrem konservativen Image. Sie ist sehr darauf bedacht, jeden Verdacht im Keim zu ersticken, sie positioniere die Partei zum rechten Rand hin.

Lucke indes werden noch geringere Chancen eingeräumt. Gleichwohl wirbt auch er weiter um Mehrheiten. Zu diesem Zweck reist er wie Petry durch die Landesverbände, um für den von ihm gegründeten Verein „Weckruf 2015“ zu werben und vor einem drohenden Rechtsruck zu warnen. Petry wirft Lucke in einem „Zeit“-Interview Vertrauensbruch vor: „Im persönlichen Verhältnis hat es leider schon mehrfach Vertrauensbrüche gegeben, und so etwas ist sehr schwer zu kitten.“ Lucke versichert, dass er zur Wahl antreten werde. Ob er nach einer Niederlage aber in der Partei bleibt, lässt er offen. Er würde bleiben, sagt er, wenn jemand anderes als er an der Spitze stünde, „der die Partei auch wirklich zum Erfolg führen kann“.