Berlin–New York

Eure Freiheit und unsere Sicherheit

Von der Freimütigkeit der Deutschen und ihrem Vertrauen in die öffentliche Stabilität

Vor einigen Tagen wollte ich auf die Reichstagskuppel. Ich war ziemlich erstaunt darüber, dass ich zwei Stunden anstehen musste. Vor mir standen schon Dutzende von Leuten, die sich auf Englisch, Niederländisch, Chinesisch und noch anderen Sprachen unterhielten. Alle, egal woher sie stammten, hatten nur ein Ziel, sie wollten hoch. Neulich als ich zwischen Paul-Löbe-Haus und dem Reichstag mit dem Fahrrad zur Arbeit hetzte, hat mich ein Mann fast umgelaufen. Ich bremste, er hielt ebenfalls rechtzeitig an. Ich fuhr dann weiter, und erst als ich schon am Bahnhof Friedrichstraße war, fiel mir auf: Es war der Innenminister, Thomas de Maizière. Sicherlich, er hatte seine Leibwächter dabei, trotzdem lief er auf offener Straße umher, inmitten von Touristenmengen.

In einer Zeit, in der viel über Transparenz nachgedacht und diskutiert wird, alles im Zuge der Berichterstattung zur sogenannten NSA-Affäre, fällt mir diese Offenheit, diese Annäherungsmöglichkeit an das öffentliche, politische Leben in Berlin auf. Es wirkt wie eine Selbstverständlichkeit, ist aber in Wirklichkeit eine Besonderheit. Während der 90er-Jahre habe ich bereits in Europa studiert und mich über jeden Anlass gefreut, meine Botschaft oder das Konsulat besuchen zu dürfen. Inzwischen freue ich mich nicht mehr, denn die Sicherheitsmaßnahmen zwingen Besucher zum Nachdenken: Schwimmen noch irgendwelche verbotenen Gegenstände in der Handtasche herum? Habe ich eine Wasserflasche dabei? Denn selbst die müssen wie beim Sicherheitscheck am Flughafen weggeschmissen werden. Mir ist bewusst, dass die Vorkehrungen nur meiner eigenen Sicherheit dienen und natürlich meinem Land. Nichtsdestotrotz fühle ich kaum noch Freude bei den Besuchen. Ganz anders ist es am Reichstag. Hier darf ich als Auslandskorrespondentin mit meiner Jahresakkreditierung natürlich hinein, nur meine Tasche muss kontrolliert werden. Danach darf ich mich frei bewegen, die Graffiti der sowjetischen Soldaten anschauen, das Tageslicht bewundern, das sich in der Kuppel spiegelt, und in der die Touristen aus aller Welt die Rampen hoch- und wieder herunterlaufen.

In einer Zeit, in der man in Washington D.C. überlegt, wie man einen höheren Zaun um das Weiße Haus ziehen kann, der Terroristen, aber nicht Touristen abschreckt, ist mir diese Freimütigkeit, mit der man Kindern erlaubt, im Brunnen vom Kanzleramt zu planschen, eine Besonderheit, über die ich mich immer wieder freuen kann.

Aber so sehr ich diese Gelassenheit im täglichen Miteinander und im öffentlichen Leben in Berlin genieße, wundere ich mich über die Abschottung alles Privaten. Nichts ist frustrierender, als als Auslandskorrespondentin die sogenannten Leute auf der Straße zu irgendeinem Thema befragen zu müssen. Sei es nun der Bahnstreik, der Fahrdienst Uber oder das anstehende G7-Treffen, egal. Die Leute werden immer ziemlich nervös, wenn ich erwähne, dass ihre Namen in der Zeitung stehen würden. Manchmal hilft es, wenn ich davon erzähle, wie in anderen Kulturen mit den Medien umgegangen wird.

Auch habe ich mir nie erklären können, wieso die Deutschen zu den häufigsten Nutzern von Google Maps gehören, wenn sie sich zum Beispiel ein Bild von einer ihnen fremden Stadt machen wollen, es dann aber gleichzeitig ablehnen, dass ihre eigenen Häuser in dem Dienst auftauchen. Vielleicht liegt irgendwo in diesem Gegensatz der Grund dafür, weshalb man sich in der Öffentlichkeit so vertrauensvoll zeigt – geschützt von der Anonymität der Privatsphäre.

Lesen Sie morgen: Die Deutschstunde, von Peter Schmachthagen