Kommentar

Für Chancengleichheit

Der Schuletat darf nicht abhängig von Berlins regierenden Parteien sein

Soziale Herkunft entscheidet über Zukunft – wie sehr diese Aussage stimmt, wissen wir spätestens seit es die Pisa-Studien gibt. Seitdem predigen Bildungswissenschaftler immer wieder, dass der Schulerfolg eines Kindes fast nirgendwo auf der Welt so sehr wie in Deutschland davon abhängt, in was für einer Familie es groß wird.

So besuchen Kinder aus Akademikerhaushalten hierzulande dreimal so oft ein Gymnasium wie Kinder aus nicht akademischen Familien. Mit der Möglichkeit, dass junge Menschen ein Studium aufnehmen, verhält es sich ganz ähnlich. Ein Beispiel: Marie, deren Eltern Lehrer sind oder Professoren, wird zu Hause von Anfang an gefördert. Sie wird mit vielen Büchern groß, bekommt Musikunterricht, geht zum Reiten, ist beim Früh-Englisch dabei. Sie kann fließend sprechen und kennt fast alle Buchstaben, wenn sie in die Schule kommt.

Lisa oder Aisha, deren Eltern arbeitslos sind oder Einwanderer, können da oft nicht mithalten. Wobei hier nicht gesagt werden soll, dass Arbeitslosigkeit oder Migration grundsätzlich dazu führen, dass Kinder in der Schule weniger erfolgreich sind. Oft aber besteht ein Zusammenhang. Auch diese Eltern wollen zwar das Beste für ihre Kinder, haben häufig aber weder die Mittel noch das Wissen, wie sie sie dabei unterstützen könnten.

Es ist deshalb begrüßenswert, dass sich die verantwortlichen Politiker in Berlin vor einem Jahr endlich aufgemacht haben, dieser Entwicklung etwas entgegen zu setzten. Gezielt wollen sie jetzt Schüler unterstützen, die aus sozial schwachen Familien kommen. Reichlich spät, könnte man sagen, wenn man bedenkt, dass die erste Schulleistungsuntersuchung, Pisa-Studie genannt, bereits im Jahr 2000 veröffentlicht worden ist und den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg deutlich gemacht hat. Doch auch hier gilt: besser spät als nie.

Der Berliner Senat hat also ein Bonusprogramm aufgelegt. Das ist ausdrücklich für Schulen gedacht, an denen mehr als die Hälfte der Schüler von der Zuzahlung für Lernmittel befreit sind. Diese Befreiung hängt vom Einkommen der Eltern ab.

Alle Schulen, die für das Bonusprogramm ausgewählt wurden, bekommen bis zu 100.000 Euro im Jahr zusätzlich und sie dürfen sogar selbst entscheiden, wie sie dieses Geld investieren.

Insgesamt 30 Millionen Euro hat der Senat für die Jahre 2014 und 2015 in den Haushalt eingestellt, um das Hilfsprogramm zu finanzieren. Nun wurde diese Summe gerade um mindestens zwei Millionen erhöht, weil weitere Schulen in das Programm aufgenommen worden sind. Insgesamt profitieren jetzt 246 der 637 öffentlichen allgemeinbildenden Schulen von der zusätzlichen Hilfe. Sie leisten sich Schulpsychologen, Sozialarbeiter oder Lerncoaches von diesem Geld, richten Schulbibliotheken ein und etablieren Schülerbands.

Das alles wird dazu beitragen, dass sozial schwache Schüler besser gefördert werden und dürfte deren Chancen erhöhen, die Schule erfolgreich abzuschließen und eine Ausbildung oder gar ein Studium aufzunehmen.

Soweit so gut. Viel besser wäre es allerdings, wenn sich die Politiker dazu durchringen könnten, den sozial schwachen Schülern dauerhaft zu helfen. Das Bonusprogramm hingegen ist erst einmal nur für sechs Jahre ausgelegt. Ob und wie es danach weiter geht, ist ungewiss. Und außerdem abhängig davon, welche Partei künftig regieren wird. Das darf nicht sein. Die Schulen brauchen eine stetige, verlässliche Unterstützung, statt Sonderprogrammen, die jederzeit wieder abgeschafft werden können.

Schließlich sind Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit nicht nur für jeden Einzelnen wichtig, sondern auch für den sozialen Frieden in dieser Stadt. Zuletzt haben die Unruhen in den Vororten von Paris wieder einmal deutlich gezeigt, wozu es führen kann, wenn mehr und mehr junge Menschen sich sozial abgehängt fühlen.