Mamas & Papas

Rückkehr zu den Eltern von Prenzlauer Berg

Zwischen Spargelessen und Kinder kriegen: Ein ganz normaler Tag am Kollwitzplatz

Vieles ist über sie geschrieben worden. Übervorsichtige, biodynamische, Latte Macchiato saufende Wesen mittleren Alters, die ihren Kindern preußische Doppelnamen geben und Erziehung für eine schlimme Sache aus dem 19. Jahrhundert halten. Sie stehen für alles, was bei Eltern mit Kindern schiefläuft, sie nerven die ganze Republik: Prenzlauer-Berg-Eltern. Es gibt sie auch in München, in Hamburg, in Frankfurt oder Pinneberg. Aber der schreckliche Prototyp, über den ganze Bücher geschrieben wurden, lebt eben in Berlin. In Klein-Schwaben rund um den Kollwitzplatz.

Wie unentspannt dieser spezieller Typ Mensch ist, musste ich erst kürzlich wieder feststellen. Die Vierjährige hatte bei ihrer Freundin in Prenzlauer Berg übernachtet. Das machen die Mädchen jetzt öfter, seit wir in den Süden gezogen sind. Bei unseren Freunden gibt es dann erst mal für alle handgeschabte Spätzle oder Spargel mit selbst gemachter Hollandaise. Wir unterhielten uns über die Vorzüge trilingualer Kindergärten, ob zum Spargel besser Grauburgunder oder Riesling passt und wofür die ehemaligen Anwohner ’89 eigentlich auf die Straße gegangen sind, wenn man jetzt schon nicht mal mehr eine Fußbodenheizung in seine Wohnung einbauen darf.

Ich gebe zu, dieses Mal war unser Gewissen nicht ganz rein, als wir spät abends unsere Vierjährige in der Obhut unserer Prenzlauer-Berg-Freunde und ihrer Tochter zurückließen. Doch uns wurde ein ums andere Mal versichert, dass wir uns keine Gedanken zu machen bräuchten: „Quatsch, überhaupt kein Problem, wir freuen uns.“ Immerhin war ja noch fast eine Woche Zeit, und wer ist schon pünktlich in Prenzlauer Berg? Die Mädchen waren happy und schliefen nach anfänglichen Grenzstreitigkeiten (Freundin: Hier bei meinem Teddy ist die Grenze!!!“ – Tochter: „ICH WILL KEINE GRENZE, Buaaaaahaaaa.“) halbwegs friedlich ein.

Mitten im schönsten Tiefschlaf, so gegen drei Uhr, wurden sie von der Mutter der Freundin geweckt. „Nichdeckewegziehen …“ murmelten sie. „Doch, das Baby kommt“, sagte die Mutter der Freundin. „Welchesbabydenn?“, murmelten die Mädchen. „MEIN Baby!!!!“ Ach so. Ach so? Mit Decken und Matratzen zogen die beiden Mädchen ein Stockwerk höher, wo eine ebenso schlaftrunkene Großmutter, die über das Wochenende ihre Enkel hütete, öffnete. „Das Baby kommt.“ – „Oh, wie schön. Dann kommt mal rein, Mädels, ihr wisst ja, wo das Kinderzimmer ist.“ Dort wartete bereits eine weitere Freundin, die ebenfalls einen Übernachtungsgast bei sich hatte und sich nun freute, gleich noch zwei mehr zu bekommen.

Wir erfuhren erst am kommenden Morgen von der Aktion. Jetzt war das schlechte Gewissen wirklich da. Sofort riefen wir den frischgebackenen Vater an. „Alles bestens“, sagte der. „Hat doch alles prima geklappt. Baby ist auch da und gesund – Ich reich mal weiter …“ Dann war die Mutter dran. Unkompliziert, pragmatisch wie immer. „Jaja, Kind ist da. Alles gut. Wie er aussieht? Zerknautscht. Bleibe wohl noch einen Tag im Krankenhaus, weil ich hier meine Ruhe habe … mal gucken … was macht ihr denn heute noch … kommt gerne vorbei, wenn ihr Lust habt …“

Wir verbrachten nach dem Besuch im Krankenhaus den ganzen Tag mit Vater und Tochter in Prenzlauer Berg. Auf dem Kollwitzmarkt stießen wir bei jedem dritten Stand auf das neue Baby an. Mit Bier, nicht mit Latte Macchiato. Abends ging der frischgebackene Papa noch mal ins Krankenhaus. Und er brachte Brezeln mit. Von dem einzigen Bäcker, der gute Brezeln backen kann. Original schwäbische. So viel Klischee muss sein.

Lesen Sie morgen: Berlin-Athen. Kolumne von Georgias Pappas, Korrespondent für „Nerit“ und „Ta Nea“