Jungs Zeitgeist

Krimi ohne Krause, oh je!

Warum hören gerade die granteligen, aber großherzigen TV-Ermittler auf?

Die Krimifreunde der Republik sind in Schockstarre. Kaum haben Ende April die Leipziger „Tatort“-Ermittler Eva Saalfeld und Andreas Keppler ihren letzten Fall gelöst – immerhin: am Ende haben sie sich gekriegt –, da ist im „Polizeiruf“ auch noch Horst Krause in Rente gegangen. Mitsamt Dienstkraftrad und Hund. Das ist bitter.

Denn nur durch Krause und seine überqualifizierte Chefin Olga Lenski (Maria Simon) ist eine Region in den Fokus der Weltöffentlichkeit gelangt, die ansonsten im Nebel der Vergessenheit versinkt: die Uckermark. Ein Landstrich zwischen Havel und Oder, von der Eiszeit geformt. Kurz nach der Wende haben wir mal eine Sommerwoche in einem alten Feldsteinhaus in der Nähe von Milmersdorf verbracht. Die örtliche LPG war schon pleite, neue Investoren nicht in Sicht. In jener Woche begegneten wir mehreren überraschten Wildschweinen, Rebhühnern, einem neugierigen Fuchs und einer Hornissenkönigin und sonst niemandem. Auf den Feldern wucherten Klatschmohn und Kornblumen, mittags um zwölf donnerten sowjetische MIGs über uns hinweg, dann war wieder Stille. Gegen die Uckermark wirken die Eifel oder die Halbinsel Eiderstedt wie brodelnde Hexenküchen. Hier könnte ein Asteroid einschlagen, und keiner würde es merken. Außer einem: Horst Krause natürlich.

Viele Westdeutsche lernten ihn 1993 in Detlev Bucks Roadmovie „Wir können auch anders“ kennen, in dem zwei schreibunkundige Brüder mit einem alten Hanomag-Lkw ins tiefste Meckpomm geraten („Und dann fahren wir mit dem Boot nach Finnland, Schweden, Rumänien …“). Dass der Schauspieler Horst Krause, heute 73, seit 1974 in einer Vielzahl von Fernsehfilmen mitgewirkt hat und nach der Wende unter anderem in „Go Trabi Go 2“, „Rennschwein Rudi Rüssel“, diversen „Tatorten“ und der „Bubi Scholz Story“ zu sehen war, hat das westliche Publikum nur beiläufig registriert. Zum Unikum ist Horst Krause erst als Horst Krause geworden.

Den lakonischen norddeutschen Witz aus „Wir können auch anders“ hat er 1998 mühelos in den brandenburgischen „Polizeiruf“ gerettet. Dort hat er in 17 Jahren vier Kommissarinnen überdauert. Einer, der seine märkischen Pappenheimer noch als Junge Pioniere kennt und Facebook für einen Verwandten von Detlev Buck hält. Mit der modernen Forensik hat er es nicht so, schnauft stattdessen in Schrebergärten und Scheunen herum und bringt die Leute niedrigschwellig zum Reden. Krause ist quasi der Letzte, der noch analog ermittelt, und hat mit einem Schlag die „bewaffeneten Organe“ der DDR entstasifiziert. Diese Rolle war so erfolgreich, dass der RBB ihn zum Helden eigener Formate machte: In „Krauses Fest“, „Krauses Kur“ und „Krauses Braut“ legt sich Krause wegen der Weihnachtsgänse mit Gänse-Schlunzke an, schwänzt Diätvorschriften und rettet Hochzeiten.

Der Gesetzeshüter mit Halbschalenhelm, Bierbauch und Soziussitz war im „Polizeiruf“ zuerst als Witzfigur angelegt. Aber aus der Rolle ist er herausgewachsen. Auch wenn man bei den Uckermark-Fällen manchmal bügeln konnte, ohne wesentliche Handlungsstränge zu verpassen.

Es ist doch eigenartig: Die „Polizeiruf“-Ermittler – von Bukow und König in Rostock bis von Meuffels (Matthias Brandt) in München – sind mit der Zeit immer westlicher und urbaner geworden und ähneln immer mehr dem beziehungsgeschädigten Einzelgänger, der hochintelligent, aber depressiv auf Tatorten herumsteht. Was mir da fehlt, ist diese grantelige, lebenskluge Großherzigkeit, die nur Leute wie Krause, Bella Block und der wunderbare Keppler mitbringen. Mit Bella würde ich gern mal eine Flasche Chianti niedermachen („und 1 Grappa!“). Und sollte ich je auf einer brandenburgischen Allee liegen bleiben: Mit Krause würde ich sofort Reifen wechseln.

Lesen Sie am Freitag: „Immer Hertha“ von Uwe Bremer