Kommentar

Historische Nicht-Wahl

Die Philharmoniker haben ihren Richtungsstreit öffentlich gemacht

Zehneinhalb Stunden haben die Philharmoniker zusammengesessen. Die Zeit hat nicht ausgereicht. Sie gingen auseinander, wie sie gekommen waren: Ohne einen neuen Chefdirigenten, ohne einen Nachfolger für Simon Rattle, der ab 2017 in London arbeiten wird. Orchestervorstand Peter Riegelbauer versuchte am Abend das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen. „Zuversichtlich“ sei man, dass die Philharmoniker innerhalb eines Jahres einen Rattle-Nachfolger finden werden, sagte er. Auf Nachfrage konkretisierte er: Ein Jahr werden sie brauchen. Der „interne Prozesse der Erkenntnis“ sei durch die Versammlung gestärkt“.

Aber auch ihm blieb es nicht erspart einzuräumen, dass das Feld sich „aufgespaltet“ habe. Und ja, es gebe „unterschiedliche Visionen“ und „unterschiedliche Positionen“. Mit anderen Worten: Die Philharmoniker sind zerstritten. Denn sie konnten sich bei ihrem Wahlprozess nicht einmal auf zwei Kandidaten einigen. Dann wäre es ja noch einfach gewesen, hatte Peter Riegelbauer mit einem leichten Seufzer hinzugefügt. Die Fraktion, die einen jungen Kandidaten wie Gustavo Dudamel oder Andris Nelsons bevorzugen, konnten sich nicht einigen mit denen, die sich Christian Thielemann, Daniel Barenboim oder Riccardo Muti wünschten. Und wahrscheinlich war es auch so, dass die Geschichte nicht mit einem simplen Generationskonflikt zu erklären ist.

Dieser historischen Nicht-Wahl – zum ersten Mal in der Geschichte der Philharmoniker konnten sie sich nicht auf einen Chefdirigenten einigen – kann man durchaus positive Aspekte abgewinnen. Hier ist eine leidenschaftliche Belegschaft am Werk, denen es nun einmal nicht egal ist, wer da vorne am Pult stehen wird. Sie kämpfen miteinander, sie ringen miteinander, sie haben, wenngleich verschiedene Ideale, die sie verteidigen, für die sie eintreten.

Sie haben die Gewichtigkeit der Wahl vor Augen gehabt, denn ein Chefdirigent ist unter Umständen ein Vorgesetzter, der einem ein Leben lang erhalten bleibt. Da denkt man auch zweimal darüber nach. Sie haben sich nicht auf einen Kompromisskandidaten geeinigt, um die Sache vom Tisch zu bekommen. Und sie haben diese Nicht-Entscheidung getroffen, obwohl sie ahnen müssen, was jetzt auf sie zukommen wird. Der Ruf ist ramponiert, sie stehen wie eine Zankbude in der Öffentlichkeit. Wer sich nicht einigen kann, das kann man in der Politik gut beobachten, gilt automatisch als unreif, streitsüchtig, kurzum problematisch.

Ein kluger Mann aus der Philharmonie, der die Fraktionenbildung im Haus beobachtet, hat vor kurzem gesagt, dass die entscheidende Zeit nach der Wahl erst anfangen würde – nämlich dann, wenn es darum ginge, die einzelnen Blöcke wieder zusammenfinden zu lassen. Was er nicht bedachte, was kein Mensch für möglich gehalten hatte, war, dass die Entscheidung aufgeschoben wurde. Trotzdem behält der Satz seine Richtigkeit: Die schwierige Zeit für die Philharmoniker beginnt ab heute, ab diesem Dienstag im Mai. Denn es gibt keine Sieger und Verlierer, sondern nur ein Orchester, in dem keiner gewonnen hat, in dem alle etwas verloren haben: Verlust an Harmonie, Verlust an Gemeinschaftlichkeit, Verlust an dem Ideal der Vereinigung von Musikern, die die Liebe zur Klassik verbindet und sie zu einem Orchester vereint.

Und das ist wahrscheinlich die größte Niederlage, die erst nach und nach in ihrer Dimension einzuschätzen sein wird. Wie werden die Philharmoniker in Zukunft wahrgenommen werden? Wird man sie mit einem abschätzigeren Blick erleben? Wird man sie als Orchester begreifen oder nach dieser Nicht-Wahl für eine Arbeitsgemeinschaft mit einem Sammelsurium von Einzelinteressen? Wie wird unser Blick auf sie sein, wie wird ihr Blick auf sich selbst sein? Es ist nicht dem Pathos des Augenblicks geschuldet, wenn man erwartet, dass den Philharmonikern die schwersten Monate der letzten beiden Dekaden bevorstehen.