Immer Hertha

Das Abstiegsgespenst als zwölfter Mann

Warum ein gutes Maß an Furcht der Hertha im Kampf um den Klassenerhalt hilft

Man kann sich einen Fußballfan vorstellen wie ein Kind auf einem Spielplatz. Zum ersten Mal mitgenommen von den Eltern, zieht es ihn oder sie immer wieder dort hin. Der Spielplatz wie das Stadion ist ein Ort großer Emotionen. Der spanische Schriftsteller Javier Marías schreibt: „Fußball ist die wöchentliche Wiederkehr der Kindheit.“ Das klingt so schön, dass es stimmen muss.

Wenn man nun Fan von Hertha BSC ist, dann kommt man sich in dieser Saison vor wie auf einer Spielplatzschaukel. Nur dass das ständige Hin und Her des Berliner Bundesligaklubs eben keine Freude, sondern Unwohlsein verursacht. Die Angst schwingt immer mit, dass Hertha wieder in die Zweitklassigkeit abstürzen könnte wie 2010 und 2012. Eigentlich hatte man gedacht, dass jene Furcht längst vertrieben werden konnte. Zwischenzeitlich blieb die Mannschaft von Trainer Pal Dardai sieben Spiele in Serie ungeschlagen und hatte acht Punkte Vorsprung auf einen direkten Abstiegsplatz. Schöne Mittelmäßigkeit. Was will man im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg mehr? Aber nun, zwei Spieltage später und drei vor Ende der Saison, ist dieses komfortable Polster bis auf vier Zähler geschrumpft. Und in jener angespannten Lage geht es am Sonnabend zum ehemaligen Spitzenklub Borussia Dortmund, der immerhin noch um die Qualifikation für die Europa League kämpft – dem Trostpflaster der Abgestürzten.

Das machen die eigenen Nerven nicht noch einmal mit, denkt man sich. Hallo Abstiegsangst, da bist du ja wieder, du kleines Ekelpaket. Man nennt dich ja auch gerne Abstiegsgespenst, und da wären wir wieder auf der kindlichen Ebene des Fußballs: Der Fan gruselt sich. Der Spieler sowieso. Nur der darf das nicht so sagen.

Um mit dem ganzen Stress klar zu kommen, gibt es die Theorie der Konfrontation mit den eigenen Ängsten. Vielleicht hilft es also, das Abstiegsgespenst ein bisschen näher kennenzulernen, damit es nicht mehr so furchteinflößend daherkommt: Die Angst vor dem sportlichen Abstieg ist eine soziale Angst, sagt der Göttinger Psychologie-Professor Borwin Bandelow. Der renommierte Angstforscher glaubt, dass die Furcht vor dem Abstieg vordergründig als Angst wahrgenommen wird, sich vor anderen zu blamieren. Die eigene Reputation wird beschädigt. Als Fan trifft einen das, weil man sich dann im Büro den Spott der Kollegen anhören muss. Und die Blamage wird an jedem Wochenende in der Folgesaison neu durchlebt, wenn Hertha gegen Sandhausen oder Heidenheim statt gegen Dortmund oder Bayern antreten muss.

Für den Fan geht es beim Abstieg aber nicht um eine existenzielle Angst im eigentlichen Sinne. Für den Spieler schon, auch wenn zu vermuten ist, dass er auch als Zweitligaprofi nicht am Hungertuch nagen müsste. Allerdings sind sein Marktwert und die Höhe seines Gehalts in Gefahr – ebenso seine Reputation als einer im Kreis der Besten.

Bandelows Theorie zufolge sind Fußballprofis – Spitzensportler im Allgemeinen – besondere Angsthasen, was die Furcht vor der Blamage betrifft. Diese habe sie erst so hart arbeiten lassen, dass sie es nach ganz oben schaffen konnten. Und darin steckt eine heilsame These des Professors für den Anhänger: Nämlich die, dass Angst nicht nur eine destruktive Kraft besitzt, sondern – wenn sie richtig dosiert ist – auch eine motivierende. Bandelow nennt die Angst deshalb auch das „Superbenzin für Erfolg“. Sieh mal an: Abstiegsgespenst, lass dich umarmen!

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