Kommentar

Ein ewig mahnendes Datum

Zum 8. Mai 1945, der für zu viele noch nicht die erhoffte Freiheit brachte

Endlich aus! Endlich vorbei! Als am 2. Mai in Berlin und dann am 8. Mai nach der bedingungslosen Kapitulation in ganz Deutschland die Waffen schwiegen, nicht länger geschossen, bombardiert, getötet, gemordet und gemartert wurde, war zumindest Europa vom bislang schlimmsten aller Kriege erlöst. Vom Zaun gebrochen von Hitler-Deutschland. Am Ende waren etwa 80 Millionen Kriegstote zu beklagen, Deutschland eine Trümmerlandschaft.

Was war dieser 8. Mai vor nunmehr 70 Jahren? Für die Siegermächte ein mit hohem Blutzoll (allein auf sowjetischer Seite 27 Millionen Tote) erkämpfter Triumph über das absolut Böse. Für die von der Wehrmacht einst eroberten und besetzten Länder ebenso eine Befreiung wie für die Überlebenden in den KZ. Und für die Deutschen? Nach langem Zweifeln ist der überwiegenden Mehrheit der Deutschen mittlerweile bewusst geworden, dass dieser 8. Mai 1945 auch für sie ein Tag der Befreiung war.

Ein Tag der Befreiung von einem Irrweg der deutschen Geschichte, von einer verbrecherischen Diktatur, von letztlich sinnlosem Sterben. Aber es gibt bis heute keinen einsichtigen Grund, diesen Tag zum Feiertag zu deklarieren. Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat die Vielschichtigkeit dieses Schicksalsdatums in seiner fast schon historischen Rede im Deutschen Bundestag am 8. Mai 1985 im Kern getroffen. „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit diesem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursachen für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte...“

Befreiung von etwas heißt eben nicht zwangsläufig Freiheit für etwas. Eine bittere Erkenntnis für all die Völker, die sich die Siegermacht Sowjetunion im Gefolge des 8. Mai zu Untertanen gemacht hat. Dieses Schicksal hatten auch die 17 Millionen Deutschen östlich der Elbe zu tragen. Statt Befreiung von einer Diktatur wurden sie in die nächste, eine sozialistische gezwungen.

Den Deutschen im Westen wurde die Chance zum Neuanfang in Freiheit eingeräumt. Sie haben sie dank der westlichen Siegermächte, die aufgrund der neuen weltpolitischen Lage und damit der Teilung Europas von Feinden zu Freunden und Partnern wurden, wahrgenommen. Daraus ist eine der stabilsten Demokratien Europas geworden.

Wie stark die Entschlossenheit war, aus gerade überlebter Diktatur, aus Krieg und Schrecken Lehren zu ziehen, wurde besonders sichtbar in Berlin. Zehntausende Berliner starben bei Luftangriffen, jede dritte Wohnung war zerstört oder unbewohnbar, die Stadtmitte glich einem Meer von Zahnstochern in verbrannter Erde. Erst wurden die Trümmerfrauen zum Symbol des unbedingten Willens zum Neuanfang, dann die Menschen im westlichen Teil der Stadt, als sie in der Blockade der neuen Freiheit wegen ausharrten. An noch eine Leistung, unmittelbar mit dem 8. Mai zusammenhängend, gilt es zu erinnern und diese zu würdigen: Die Integration der rund zwölf Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten. Ein Akt gesellschaftspolitischer Solidarität, der seinesgleichen sucht.

Am 8. Mai 1945 war der Krieg vorbei. Des wirklichen Friedens aber können sich die Europäer erst seit der historischen Wende 1989/90 erfreuen. Da erst wurden auch die endlich wirklich befreit, deren neuen Unterdrücker „Befreiung“ nur als verbales Schlagwort missbrauchten. Dass der Frieden in Europa jetzt doch wieder brüchig geworden ist, ist eine Herausforderung. Auch sie zwingt nach 70 Jahren dazu, sich des 8. Mai 1945 immer wieder mahnend zu erinnern. Nur dann wird sich nicht wiederholen, was nicht noch einmal geschehen darf.