Mamas & Papas

Zwergenhafte Ordnungshüter

Das Regelverständnis kleiner Kinder entspricht in etwa dem eines humorlosen Polizisten

Vieles weiß man ja, bevor man Kinder in die Welt setzt. Dass ein Kinobesuch zu zweit plötzlich 50 Euro kostet. Dass immer, wenn man abends mal etwas Besonderes vorhat, garantiert ein Spontanfieber, Minimum 40 Grad, auftritt. Dass man nicht mehr in die tollsten Hotels in den tollsten Gegenden der Welt reist, sondern sich singend mit dem Clubmaskottchen im höchstens drei Flugstunden entfernten Ferienclub wiederfindet. Geschenkt. Alles gewusst, manches geahnt.

Aber mit einem hatte ich nicht gerechnet: Dass man sich mit einem Kind, spätestens wenn es vier ist, die Polizei ins Haus holt. Nicht irgendwelche gutmütigen Dorfpolizisten, die auch mal ein Auge zudrücken, sondern zwergenhafte Ordnungshüter, die peinlich genau auf die Einhaltung von Gesetz und Ordnung achten (leider nur auf die Ordnung der anderen). Das Regelverständnis Vier- bis Fünfjähriger entspricht in etwa dem eines sehr humorlosen Verkehrspolizisten, der einen gerade zum dritten Mal mit dem Fahrrad auf dem Gehweg erwischt.

Wir erleben es gerade mit unserer Vierjährigen. Sie ist gnadenlos („Mama hat eine Beule ins Auto gefahren. Also kann Mama nicht gut Auto fahren“), streng („So tanzt man aber nicht. AUFHÖREN!!!! Guck mal, SO tanzt man“), hart im Urteil („Stiefeletten? Das ist aber ein sooooo blödes Wort! Die will ich nicht anziehen. Das klingt wie Buletten.“) und belehrend („Scheiße sagt man nicht, Mama.“). Kürzlich rief sie mitten im schönsten Spiel erschrocken: „Oh nein, ich hatte ganz vergessen, dir etwas zu sagen …“ Luftschnappen. „Überall an den Straßen stehen Blitzer!“ Ich, Vorbild: „Ja, das ist doch sehr gut. Die blitzen dann die Leute, die zu schnell fahren.“ Kind: „Nein, Mama, DU fährst doch immer zu schnell!“ Was ebenso maßlos übertrieben ist, wie ihre Weigerung, in ein etwas zu schräg geparktes Auto einzusteigen. Kind: „Du stehst nicht genau zwischen den Linien! So darf man nicht parken. Ich kann da nicht einsteigen.“

Neuerdings greift sie auch in die Erziehung ihres kleinen Bruders ein. Als er kürzlich die Katze mit einer Bastelschere verfolgte, versuchte ich das nachdrücklich zu unterbinden. Ich klang vielleicht nicht wie im Erziehungsleitfaden für souveräne Mütter, aber die Katze hat überlebt. Der kleine Bruder schrie vor Wut und Enttäuschung. Die Vierjährige hatte alles beobachtet und sagte sehr lässig: „Ich hätte das viel besser gelöst.“ Und zu ihrem Bruder: „Komm mein kleiner, süßer, tollster Bruder, gibst du die Schere deiner Schwester?“ Was er natürlich sofort machte. Tochter: „Mama, entschuldigst du dich jetzt bitte bei ihm?“ Wird Zeit, dass die Exekutive mal wieder in ihre Schranken gewiesen wird: DU Kind, ICH Mutter. Ich bin das Gesetz. Die Überwachungsfunktion Vierjähriger lässt sich mit etwas Geschick auch für eigene Zwecke nutzen. Dann halten uns die kleinen Ordnungshüter auch auf dem Laufenden, was so um uns herum geschieht. Das ist nicht unpraktisch. „Mama, weißt du? Papa fährt über rote Ampeln!!!“ (Es war nur die der Tiefgarage) oder: „Unser Erzieher stand heute draußen. Weißt du, was der gemacht hat??? Eine Zigarette geraucht!!!“ und: „Bei Oma und Opa kriege ich aber immer zwei Kugeln Eis!!! Und Mia and Me darf ich da auch sehen.“ (Ha, ich wusste es!) Der Vater findet das alles meist sehr süß. Kürzlich aber fuhr er die Kinder in die Kita. Die Vierjährige schaut aus dem Fenster auf das Verkehrsschild, sagt dann trocken: „Du weißt aber, dass wir im eingeschränkten Halteverbot stehen?“

Mein Trost ist, dass sich das mit der Überwachung im Laufe der nächsten Jahre, spätestens aber in der Pubertät umkehren wird. Dann bin ich an der Reihe. Ich freu mich schon drauf.

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