Kommentar

Deutschland ist gefährdet

In Dostojewskis letztem Roman „Die Brüder Karamasow“ erklärt Iwan Karamasow seinem Bruder Aljoscha, das Glück der gesamten Menschheit sei nicht eine einzige Träne eines gefolterten Kindes wert.

Längst sind diese Zeiten vorbei. Den Terroristen von heute sind getötete Kinder nicht nur gleichgültig. Sie suchen geradezu nach Opfern, die sie in die Luft sprengen, erschießen oder abschlachten können. „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ war das Schlagwort der al-Qaida nach den Anschlägen von Madrid 2004. Es gilt seitdem überall, wo Islamisten zur Waffe greifen. Gleichzeitig ist es schöngefärbt. Nicht im Todestrieb, sondern in der Lust am Massenmord liegt der Wesenszug der islamistischen Terroristen.

Man mache sich nichts vor: Die Tatsache, dass in Deutschland ein Anschlag wie der in Madrid oder wie die Attacken in Paris auf die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und den jüdischen Supermarkt ausblieb, heißt nicht, dass die Bundesrepublik nicht in derselben Gefahr wie alle westlichen Länder steckt. Allenfalls bedeutet sie, dass Deutschland Glück hatte und seine Sicherheitsdienste aufmerksam waren. Die Möglichkeit eines Terroranschlags ist seit den Anschlägen von New York am 11. September 2001 der tägliche Begleiter auch der deutschen Gesellschaft. Der vereitelte Terrorschlag in Hessen offenbart es mit erschreckender Brutalität.

Die Verhaftung von Halil und seiner Frau ist ein Erfolg der deutschen Sicherheitsbehörden. Gleichzeitig sollte sie ein Weckruf sein. Noch immer haben viele Deutsche nicht verinnerlicht, dass die islamistische Terrorgefahr keine ferne oder zeitlich begrenzte ist, sondern dauerhaft besteht. Und der vereitelte Terroranschlag macht deutlich, dass es im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit Augenblicke gibt, in welchen die Sicherheit Vorrang hat. Diese Erkenntnis macht eine Zusammenarbeit mit verbündeten Geheimdiensten, von der NSA bis zu britischen und französischen Stellen, genauso zwingend wie die Bereitschaft, Daten länger als in Ruhezeiten nötig zu speichern. Nicht die USA, nicht westliche Sicherheitsbehörden bedrohen unsere Freiheit, der Terrorismus gefährdet sie. Daraus ergibt sich nur eine Konsequenz: die wehrhafte Demokratie.