USA

„Amerika hat ein Rassenproblem“

Polizei in Baltimore setzt Ausgangssperre durch. Lage in Stadt stabilisiert sich langsam wieder

Am Tag danach steht noch ein martialisch gepanzertes Einsatzfahrzeug vor den Toren der Mondawmin Mall. Der Parkplatz liegt öde und verlassen in der frühlingshaften Morgensonne. Am späten Nachmittag hatten die Unruhen in Baltimore hier ihren Ausgang genommen, die in der Nacht Teile der Stadt verwüsteten. Nun ist das geplünderte Einkaufszentrum geschlossen und wird von Polizisten aus dem mehr als 100 Kilometer südlich gelegenen Charles County bewacht. „Wir sind in der Nacht gerufen worden“, erzählt Major Chris Becker – als die Polizei in Baltimore feststellen musste, dass sie der Lage nicht mehr Herr wird. „Ich bin mit meinen 24 Leuten noch in der Nacht gekommen, um die Kollegen abzulösen, damit die Schlafen gehen oder anderswo eingesetzt werden konnten.“

Aufruf zum Tag des „Purge“

Am Tag zuvor hatte es mit Twitter-Nachrichten unter Teenagern angefangen, die einen Tag des „Purge“ ankündigten wie in dem gleichnamigen Film – eine Zeit der Gesetzlosigkeit, in der jeder machen darf, was er will. Von der High School um die Ecke sind sie nach Schulschluss gekommen und haben Läden in der Mall zerstört und wertvolle Waren mitgehen lassen. Die Unruhen fraßen sich dann durch die Problemviertel von West Baltimore und weiteten sich in der Nacht weiter Richtung Innenstadt aus. Und nun, am nächsten Morgen, folgt die Ernüchterung.

Eine schwarze Frau ist auf den einsamen Parkplatz gekommen, um sich zu erkundigen, ob sie bei den Aufräumarbeiten helfen kann. Um die Ecke sind Khasheif und Khalil Stanley schon dabei, Abfall in Müllbeutel zu packen. „Das ist alles sehr traurig“, sagt Kasheif. Sein jüngerer Bruder Khalil kennt viele der Plünderer aus seiner Schule. „Ich denke, die haben das aus Wut gemacht, das ging überhaupt nicht um Freddie Gray“, sagt Khalil. Gray war am 12. April in Polizeigewahrsam schwer verletzt worden und eine Woche später an seinen Verletzungen gestorben.

Seitdem reißen die Proteste in der Stadt gegen Polizeigewalt nicht ab. Nach ersten Ausschreitungen am Sonnabend kam es in der Nacht zu Dienstag zu den schwersten Unruhen, die die mehrheitlich schwarze Stadt seit dem Mord am schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King 1968 erlebt hat.

Die schwarzen, demokratischen Senatorinnen Catherine Pugh und Joan Carter Conway sind gekommen, um sich einen Eindruck von der Lage an der Mall zu verschaffen. „Es gibt keine Entschuldigung für das, was passiert ist“, sagt Pugh, „aber wir können den Ärger verstehen“. Die ganze Sache sei explodiert, weil die Leute Antworten haben wollen, wie es zum Tod von Freddie Gray gekommen ist. „Amerika hat ein Rassenproblem“, bricht es aus Pugh heraus, das Land müsse sich endlich damit auseinandersetzen. „Wo kommt das her, dass jemand, wenn er meine Hautfarbe sieht, mit Hass erfüllt ist?“, fragt Pugh. Die beiden Abgeordneten wehren jede Kritik an der schwarzen Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake und ihrem ebenfalls schwarzen Polizeichef Anthony Batts ab, nicht auf eine schnellere Aufklärung des Falles Gray bestanden zu haben. Das Problem sei, dass die Landespolitik mit ihren Gesetzen dafür gesorgt habe, dass Vergehen von Polizeibeamten sehr schwer zu verfolgen seien, meint Carter Conway.

Auf die Frage, ob man sich in der Nacht nicht zu sehr zurückgehalten hat, statt die Randalierer aufzuhalten, sagt sie, man habe eine Balance halten wollen zwischen dem Recht auf Demonstrationsfreiheit und dem Schutz der Bürger. Sie sei „sehr stolz“ darauf, wie die Polizei reagiert habe.

Die Bürgermeisterin verbreitet Hoffnung und verweist auf Eltern, die ihre Kinder vom Plündern abgehalten haben. Im Internet sorgt das Beispiel von Toya Graham für Furore. Als sie ihren Sohn unter der Menge der Randalierer in Baltimore entdeckt, zögert sie nicht lange. Sie zieht den 16-Jährigen aus der Menge. Es folgen mehrere Kraftausdrücke, die im US-Fernsehen mit Pieptönen überblendet werden. Dann zerrt Graham ihren Sohn aus der Menge der Gewalttäter, ohrfeigte ihn kräftig und reißt ihm die Maske herunter. Dafür wird sie nun gefeiert.

Kinder ohne Väter

Pfarrer Marvin Jones von der Bewegung „Youth for Christ“ hat an einer Ecke ein Kreuz aufgebaut. Er kommt aus dem Problembezirk Park Heights, wo er versucht, die Kinder auf den richtigen Weg zu bringen. „Als ich gesehen habe, was letzte Nacht passiert ist, bin ich traurig geworden, weil ich viele Kids gesehen habe, die ohne Nachzudenken ihr Leben wegwerfen und die Gemeinschaft beschädigen“, sagt Jones. Er weiß, was in den Unterschichtsvierteln im Argen liegt. „Es gibt viele Drogen, Gewalt, Alkohol und Morde“, sagt er. Und die Familien sind oft zerrüttet. „Eins der größten Probleme ist, dass sie ohne Vater aufwachsen“, sagt Jones.

In den letzten Jahrzehnten hat Amerikas Unterschicht einen dramatischen Zerfall der Familien und des sozialen Umfelds erlebt, in der schwarzen genauso wie in der weißen. „Als ich aufwuchs, wurde ich durch die Gemeinschaft in meinem Viertel erzogen“, sagt Jones. Heute würde sich niemand mehr trauen, Kindern anderer Eltern zu sagen, wie sie sich zu benehmen haben.