Geschichte

Ehrengräber für Völkermörder

An der Neuköllner Sehitlik-Moschee wird den Drahtziehern des armenischen Genozids gedacht

Strahlend weiß stehen die Marmorsteine auf zwei Ehrengräbern des Friedhofs der türkischen Sehitlik-Moschee in Neukölln. Doch in den Augen der Armenier sind sie blutrot. Begraben sind hier Drahtzieher des Völkermordes an ihren Vorfahren. 2011 wurden die Ruhestätten aufwendig erneuert und sogar feierlich eingeweiht.

Die Sehitlik-Moschee ist der repräsentativste klassisch-osmanische Sakralbau des größten deutschen Islamverbands Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib). Mit spitz aufragenden Minaretten, Kuppel und reichem Ornament. Sie ist eine beliebte Kulisse für die mediale Inszenierung interreligiösen Dialogs.

Bundespräsident Joachim Gauck war schon dort. Justizminister Heiko Maas auch. Der SPD-Politiker nahm im Januar auf dem Gebetsteppich Platz, um Solidarität mit den Muslimen zu signalisieren. Zuvor hatten Terroristen in Paris Juden und Satiriker ermordet, deutsche Muslime befürchteten deshalb Anschläge gegen Moscheen. Viele Politiker liefen zu dieser Zeit an den weißen Ehrengräbern der Völkermörder vorbei. Öffentliche Empörung über die Ruhestätten ist nicht überliefert.

Täter liegen Seite an Seite

Diese spezielle Grabesruhe hat mit Kaiser Wilhelm I. und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu tun. Und sie schmerzt die etwa 50.000 Armenier in Deutschland. Die Sehitlik-Moschee liegt am Columbiadamm nördlich des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Die Ehrengräber befinden sich neben dem hoch aufragenden Bau, der auch als „Märtyrer-Moschee“ bekannt ist. Hier liegt zum einen der als „Schlächter von Trabzon“ bekannte Cemal Azmi, der 1915/16 als Gouverneur dieser Provinz für Deportationen und Massaker an Armeniern und Pontosgriechen verantwortlich war. Tausende Frauen und Kinder sollen auf Azmis Anordnung im Schwarzen Meer ertränkt worden sein. So zitiert etwa der Historiker Vahakn Dadrian im „Journal of Genocide Research“ Azmis Sohn damit, dass sein Vater „unter den schönsten armenischen Mädchen im Alter von zehn bis 13 Jahren“ einige ausgewählt habe, um sie dem Sohn zu schenken, „die anderen ließ (er) im Meer ertränken“.

Der an der Universität Bern lehrende deutsche Historiker Christian Gerlach warnt grundsätzlich vor einem zu großen Vertrauen gegenüber einzelnen Dokumenten. In seiner Forschung zu Azmi seien ihm aber mehrere Aussagen zu Ertränkungen begegnet „auch von türkischen Zeugen, das wiegt schwer“, sagt Gerlach der Berliner Morgenpost. Gesichert ist für ihn jedoch, dass Azmi Mädchen und Jungen aus den Deportationskolonnen herausnehmen und an muslimische Haushalte vermitteln ließ.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Gouverneur von einem osmanischen Kriegsgerichtshof wegen vorsätzlicher Ermordung in Abwesenheit zum Tode verurteilt, entzog sich aber der Gerichtsbarkeit durch Flucht ins Ausland. Azmi zur Seite liegt Bahaddin Sakir, Gründungsmitglied der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Reiches, des Komitees für Einheit und Fortschritt, das den Völkermord an den Armeniern und die Vertreibung der Griechen organisierte. Laut dem in Paris lehrenden Historiker Raymond Kévorkian koordinierte Sakir die Deportationen aus den westarmenischen Hauptsiedlungsgebieten. Eine Mehrheit der Historiker geht zudem davon aus, dass Sakir als Anführer der Todesschwadronen „Teskilat-i-Mahsusa“ der Architekt des Völkermordes war.

Die beiden Türken wurden dann aber 1922 im Exil in Charlottenburg von armenischen Attentätern erschossen. Sie waren nicht die einzigen Opfer der Operation „Nemesis“, wie die armenische Racheaktion gegen Beteiligte des Völkermordes in jener Zeit heißt.

Ein Jahr zuvor hatten Armenier Talat Pascha, den Hauptverantwortlichen des Völkermordes, in der deutschen Hauptstadt erschossen. Auch Pascha lag auf dem Friedhof der Sehitlik-Moschee begraben, bis das NS-Regime den Leichnam 1943 nach Istanbul überführte. Dort liegt der ehemalige Innenminister und Großwesir des Osmanischen Reiches nun am Denkmal der jungtürkischen Revolution begraben.

An den Todestagen von Pascha, Azmi und Sakir werden – wie die von Armenierverbänden unterstützte Arbeitsgemeinschaft Anerkennung (AGA) kritisiert – Gedenkfeiern auf dem Sehitlik-Friedhof stattfinden. In vielen Städten finden derzeit von der Ditib und türkischen Nationalisten getragene Protestveranstaltungen gegen die „armenische Genozidlüge“ statt. Am 25. April demonstrieren türkische Migrantenvereine vor dem Brandenburger Tor unter dem Motto: „Der Völkermordlüge ein Ende. Nimm deine Flagge und komm.“

Exterritoriales Gebiet

Für den Zentralrat der Armenier in Deutschland ist der Umgang mit den Tätern ein Hohn: „Es ist schlimm genug, dass in der Türkei große Denkmäler für Völkermörder errichtet wurden, aber dass die Ditib in Deutschland so weit geht und mitten in Berlin Ehrengräber für die Drahtzieher Sakir und Azmi unterhält, ist skandalös“, sagte die Vizevorsitzende Madlen Vartian im Namen des Vorstands der Morgenpost.

Die Sehitlik-Moschee äußert sich nicht zu den Gräbern. Fragen der Berliner Morgenpost blieben unbeantwortet. Auf ihrer Internetseite präsentiert die Glaubensgemeinschaft die beiden Ehrengräber der „durch armenische Terroristen ermordeten“ Türken nicht ohne Stolz. Heinz Buschkowsky (SPD), den langjährigen Bezirksbürgermeister von Neukölln, wundert es nicht, dass die Sehitlik-Moschee die offizielle Geschichtsdeutung des türkischen Staates und der Erdogan-Partei AKP vertritt.

Der wegen seiner multikulturalismuskritischen Positionen auch in seiner Partei umstrittene Sozialdemokrat sagt: „Wenn Sie mit der Sehitlik-Moschee sprechen, sprechen Sie in einem Atemzug mit offiziellen Institutionen der Türkei. Bei Stadtführungen mit Touristen habe ich diesen immer scherzhaft den Rat gegeben, sich an die türkische Botschaft zu wenden, wenn ihnen auf dem Grundstück etwas passiert. Die deutsche Polizei hat dort nichts zu sagen.“

Damit spielt Buschkowsky auf die Geschichte des Areals an. Der spätere Kaiser und damalige König Wilhelm I. hatte 1866 dem Osmanischen Reich das später als Friedhof genutzte Gelände geschenkt. Nach dem Zusammenbruch des Reiches ging es in den Besitz der türkischen Republik über. Der ehemalige Bezirksbürgermeister erklärt: „Der muslimische Friedhof am Columbiadamm ist exterritoriales Gebiet. Eigentümer ist das türkische Verteidigungsministerium.“ Der Zentralrat der Armenier fordert vier Jahre nach der aufwendigen Erneuerung der Gräber: „Selbst wenn die deutsche Politik auf dem exterritorialen Sehitlik-Friedhof keine rechtlichen Möglichkeiten hat, gegen die Ehrengräber vorzugehen, sollte die Ditib-Moschee nicht auch noch mit Ministerbesuchen hofiert werden.“