Unglück

Per Fischkutter in den Tod

Schiff kentert vor Lampedusa mit rund 700 Flüchtlingen an Bord. Nur 28 überleben

Vielleicht 700 Opfer: Wieder wurde die Flucht vor Elend oder Verfolgung Menschen zum Schicksal. In der Nacht von Sonnabend zu Sonntag starben südlich der italienischen Insel Lampedusa die meisten Passagiere eines Fischkutters auf dem Weg von Libyen zum europäischen Festland. Premierminister Matteo Renzi brach umgehend eine Wahlkampfreise durch Norditalien ab und kehrte zur Koordination der Hilfsmaßnahmen nach Rom zurück.

Alle liefen auf eine Seite des Boots

Die Besatzungsmitglieder des portugiesischen Containerschiffs „King Jacob“ waren die ersten am Unglücksort. Sie hatten im Auftrag der italienischen Küstenwache Kurs auf den Kutter genommen. Der hatte kurz zuvor ein SOS lanciert, das Boot sei nicht mehr manövrierbar. Ein altes, nur 30 Meter langes Schiff – normalerweise sind gerade mal 20 Menschen an Bord. Am Ende wurden die Passagiere sich selbst zum Verhängnis: Als sie das rettende Containerschiff sahen, liefen alle – so berichtete ein Überlebender – auf die eine Seite des Schiffs. Es kippte unter dem Gewicht und versank im Meer.

Nur 28 Überlebende konnten am Sonntag geborgen werden. 17 Boote der italienischen Marine und Küstenwache, der Finanzpolizei, die im Auftrag des europäischen Programms „Triton“ in der Gegend stationiert ist, und mehrere Helikopter waren seit der Nacht am Unglücksort, um Schiffbrüchige zu finden und Tote zu bergen.

Aus dem sizilianischen Hafen Mazara del Vallo waren auch fünf Fischkutter spontan zum Unglücksort gefahren. Viele Menschen hier sprechen Arabisch, in dem Städtchen lebt die größte Gemeinde von Tunesiern in Italien. In den beiden großen Häfen Siziliens, Palermo und Catania, liefen am Sonntag die Vorbereitungen für die Aufnahme der Überlebenden und Toten. Die Frage der Berliner Morgenpost nach der Planung reißt den Bürgermeister der sizilianischen Hauptstadt Palermo, Leoluca Orlando, am frühen Morgen aus dem Schlaf. Er ist entsetzt, erfährt das Geschehene mit dem Anruf. Die vergangene Woche hatte er kaum geschlafen, laufend waren neue Flüchtlinge auf Sizilien angekommen. Orlando hat die Nächte in Notstandssitzungen und im Hafen verbracht.

Bereits 900 Menschen ertranken vermutlich seit Anfang 2015 im Mittelmeer bei dem Versuch, Europa zu erreichen, wie die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR schätzt. In der vergangenen Woche berichteten Schiffbrüchige von 400 Mitreisenden, die beim Kentern ihres Bootes ertrunken sein sollen.

Die Flüchtlingswelle ist im April deutlich angeschwollen, weil das Wetter mild und das Meer relativ ruhig ist. Allein 11.000 Menschen sollen in der vergangenen Woche an italienischen Küsten angekommen sein. Die Reisen sind gefährlich, weil die Schlepper morsche Kähne als Flüchtlingsboote einsetzen oder die Insassen auf hoher See aus größeren Booten in Schaluppen oder Schlauchboote verfrachten, die nicht seetüchtig sind und oft auseinanderbrechen. Die Versorgung der Ankommenden ist heikel: Es gibt oft Kranke auf den Booten. Die eindeutige Identifizierung ist kompliziert, weil viele ihre Dokumente vernichten.

„Die Überlebenden müssen ärztlich versorgt und weitergeschickt werden in Aufnahmezentren in den italienischen Regionen“, sagt Orlando. Das belaste die Städte im Süden erheblich. Jeder müsse da helfen, nicht nur staatliche Institutionen. Dann erreicht ihn ein Anruf des Innenministeriums: Die Rettungsarbeiten liefen weiter, erst später werde man die Toten in die sizilianischen Häfen bringen, sagt man ihm. Man wolle warten, „bis mehr Opfer an die Wasseroberfläche kommen, denn das Schiff ist gesunken und hat die Menschen mit in die Tiefe gerissen“. Man hört die Betroffenheit in Orlandos Stimme. „Europa hat das Verhalten eines Pontius Pilatus angenommen, verbarrikadiert sich hinter wirtschaftlichen Ausreden oder Sicherheitsproblemen.“ Er fordert einen „humanitären Korridor“, um „Tausende Menschen vor dem Zugriff krimineller Schleuser und dem sicheren Tod zu retten“. Mehr noch: Europa müsse die Einreise legalisieren, sonst hätte es die Toten auf dem Gewissen. „Jeder hat ein Recht darauf, zu entscheiden, wo er leben will.“

„Schmuggler sind Terroristen“

Auch von anderswo kamen am Sonntag Forderungen nach einer Änderung der Flüchtlingspolitik. Politiker und Organisationen der Flüchtlingshilfe forderten einen Kurswechsel oder eine Fortsetzung des Seenotrettungsprogramms „Mare Nostrum“. Der französische Staatspräsident François Hollande forderte mehr Überwachungsboote im Rahmen der EU-Mission „Triton“ zur Seenotrettung von Flüchtlingen. In einem Interview mit dem Pay-TV-Sender Canal Plus sagte er, die EU-Innen- und Außenminister müssten sich so schnell wie möglich treffen. Die Menschenschmuggler verglich er mit Terroristen.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte der ARD-Sendung „Bericht aus Berlin“, dass zwei Dinge getan werden müssten: „Wir müssen versuchen, mehr Stabilität nach Libyen zu bringen.“ Es müsse eine Regierung der nationalen Einheit zustande kommen, stabile Verhältnisse könnten verhindern, „dass Libyen weiterhin von den Schleppern und Schlepperorganisationen benutzt wird. Und wir müssen den Schlepperorganisationen das Handwerk legen. Das wird nur gehen in internationaler Kooperation.“ Für Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ist die Bekämpfung der Schlepperbanden zentral: Sie verdienten viel Geld mit der Reise über das Meer und überließen die Menschen in überfüllten Booten ihrem Schicksal.