Kommentar

Völkermord beim Namen nennen

Robin Alexander sieht besonders auch Deutschland in der Pflicht

Einhundert Jahre ist der Völkermord des Osmanischen Reiches an seinen armenischen Einwohnern nun her – und plötzlich ein Streitthema der deutschen Politik geworden. Was geht Deutschland das an? So fragt Ankara drohend.

Doch das Verbrechen, das Papst Franziskus vor einer Woche den „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ nannte, ist ein deutsches Thema. Es war es schon immer: Das Osmanische Reich, der Vorgängerstaat der modernen Türkei, schickte zwischen 1915 und 1918 über eine Million Christen auf Todesmärsche in die Wüste. Deutschland – damals der Hauptverbündete – sah weg. Der Autor Jürgen Gottschlich, der die Korrespondenz der deutschen Militärs und Diplomaten untersucht hat, spricht mit guten Argumenten sogar von „Beihilfe zum Völkermord“. Die Türkei hat das Unrecht an den Armeniern nie als Völkermord anerkannt – und auch dabei hat Deutschland geholfen, indem seit Jahrzehnten die Vokabel aus angeblicher Rücksicht auf die Türkei nicht in den Mund genommen wird. Die Argumente dafür waren nie gut, und sie sind jetzt noch schlechter geworden. Gewiss, die Türkei ist ein guter Verbündeter. Aber der Fortbestand des Bündnisses bleibt im eigenen, geopolitischen Interesse, auch wenn die historische Wahrheit ausgesprochen wird.

In Deutschland leben, wird argumentiert, anders als in Frankreich, kaum Armenier, aber Millionen von Türken. Aber gerade weil wir sie für Mitbürger halten – und nicht mehr für Gastarbeiter –, darf es keine vormodernen Tabus, sondern muss es den auf historische Fakten gestützten Diskurs einer offenen Gesellschaft geben. Das dritte, ebenfalls taktische Argument, den Begriff „Völkermord“ zu meiden, lautet: Bloß dem immer autokratischer agierenden Präsidenten keinen Vorwand zur Hetze gegen Christen und den Westen liefern. Aber die kemalistische Opposition ist um die vermeintliche „Ehre der Nation“ mindestens so besorgt wie der islamistische Präsident. Die türkische Gesellschaft wird immer vielfältiger und hat auch – trotz staatlicher Behinderung – mit der Aufarbeitung der Verbrechen an den Armeniern an manchen Stellen begonnen.

Erdogan freilich hat mit seiner unverschämten Schelte des Papstes neue Fakten geschaffen: Wer jetzt noch bei der von den Türken gewünschten Sprachregelung bleibt, duckt sich nicht nur weg, sondern schlägt sich auf Erdogans Seite. Der Bundestag scheint dazu nicht mehr bereit – das ist gut. Die Bundesregierung sollte ihre Haltung überdenken.