Genozid

Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts

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1915 wurden die Armenier von den Osmanen verfolgt und umgebracht. Bis heute lehnt es die Türkei ab, von Genozid zu sprechen

Die Osmanen begingen 1915 den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, sagen armenische Aktivisten und die meisten Historiker. Die Türkei als Rechtsnachfolger des osmanischen Staates lehnt die Vorwürfe ab und reagiert mit Härte, wann immer in der Öffentlichkeit vom armenischen Genozid gesprochen wird – zuletzt, als Papst Franziskus und das Europaparlament das Thema ansprachen.

Nach der Aufforderung des EU-Parlaments vom Mittwoch, die Gräueltaten an den Armeniern im Osmanischen Reich vor 100 Jahren endlich als Völkermord anzuerkennen, warf die türkische Regierung den Abgeordneten gar „religiösen und kulturellen Fanatismus“ vor. Sie hätten „ein weiteres Mal angestrebt, die Geschichte bezüglich der Ereignisse von 1915 umzuschreiben“, kritisierte das Außenministerium in Ankara am Donnerstag in ungewöhnlich scharfer Form.

„Wir nehmen diejenigen, die diese Resolution angenommen haben, indem sie Geschichte und Recht verstümmelten, nicht ernst“, hieß es in der Mitteilung weiter. „Die Wahlbeteiligung der EU-Bürger von 42 Prozent bei den Wahlen 2014 deutet bereits den Platz an, den dieses Parlament in der politischen Kultur der EU einnimmt.“ Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte die Bedeutung der Parlamentsresolution schon im Vorfeld als gering eingeschätzt. „Das geht bei uns an einem Ohr rein und am anderen wieder raus“, sagte Erdogan am Mittwoch vor Journalisten in Ankara. Die Türkei habe „keine solche Sünde, kein solches Verbrechen“ begangen.

Auch die deutsche Bundesregierung ringt noch mit einer Haltung. Bundespräsident Joachim Gauck soll auf Einladung der christlichen Kirchen in Deutschland an einem ökumenischen Gottesdienst am 23. April im Berliner Dom zur Erinnerung an den „Völkermord an Armeniern, Aramäern und Pontos-Griechen“ teilnehmen, berichtet der „Tagesspiegel“. Dabei solle Gauck auch eine Ansprache halten. Dies werde in Koalitionskreisen als Hinweis darauf gedeutet, dass Gauck den Genozid ohne diplomatische Rücksichtnahme beim Namen nennen wird, schreibt die Zeitung.

Seit Jahrzehnten dauert der Streit, aber selten war die Schlacht zwischen beiden Seiten so intensiv und öffentlich wie jetzt. Schon deswegen, weil unsere Welt viel mediatisierter ist als je zuvor. Auch der Schlagabtausch zwischen dem Vatikan und der türkischen Regierung fasziniert über das Internet Hunderte Millionen Menschen.

Armenier fürchten Relativierung

Aber das ist nur ein Grund, warum die Politisierung einer eigentlich Historikern vorbehaltenen Debatte sich beschleunigt. Es begann bereits, als die Perspektive eines türkischen EU-Beitritts in greifbare Nähe rückte. In Ankara erkannte man, dass man allmählich vor einem ernsten Problem stand. Die Bedingung der „Anerkennung des Genozids“ für einen EU-Beitritt bedeutete, dass die Türkei im Grunde aufgefordert wurde, sich finanziellen Wiedergutmachungsforderungen durch die Nachkommen der Opfer auszusetzen. Denn ein Schuldeingeständnis würde massiven Forderungen nach Schadensersatz Tür und Tor öffnen. Und so sann die türkische Regierung nach einem Ausweg.

Im Jahr 2005 verkündete der damalige Außenminister Abdullah Gül eine neue Strategie, um die Genozid-Vorwürfe politisch zu entschärfen. Eine internationale Historikerkommission möge alle Archive durchforsten und zu einem Urteil gelangen, was denn im Jahr 1915 und danach wirklich passiert sei. Taktisch war es ein geschickter Schachzug. Armenien ließ sich darauf jedoch nicht ein. Die Armenier fürchten eine „Relativierung“ der Genozid-These als Ergebnis einer solchen Kommission.

Denn in der weltweiten öffentlichen Meinung ist es mittlerweile fest verankert, dass die Osmanen 1,5 Millionen Armenier umbrachten, ihre eigenen, wehrlosen Staatsbürger; dass dieses Verbrechen an friedlichen, unschuldigen Zivilisten begangen wurde; dass dieser Völkermord zudem eine Blaupause für Hitlers Holocaust wurde.

Was nun, wenn ein von den Medien intensiv begleitetes Historikertribunal diskutieren würde, ob am Ende vielleicht „nur“ 750.000 Armenier starben, davon viele an Seuchen und Hunger wie auch viele Türken zur selben Zeit? Ob es vielleicht doch kein nachweislich direktes Vorbild für den Holocaust war?

Solches im Rahmen eines Historikertribunals auch nur zu diskutieren, könnte bestehende Gewissheiten in den Köpfen vieler Menschen in Zweifel verwandeln, das bestehende Bild vom Genozid in der Öffentlichkeit „relativieren“. Dies ist übrigens die klassische türkische Darstellung. Sie klingt ungefähr so: Es herrschte Krieg. Türkische Truppen waren im Osten in schwerer Bedrängnis, dort landeten gerade die Engländer auf der Halbinsel Gallipoli. Armenische Separatisten planten, eine sich abzeichnende osmanische Niederlage zu nutzen, um mit Waffengewalt einen eigenen Staat zu errichten. Sie stellten im Hinterland der Ostfront eine Gefahr dar.

Insofern beschloss die Regierung, die gesamte armenische Bevölkerung zu deportieren, eine klassische Antiguerillamaßnahme, diktiert von militärischer Notwendigkeit. Seuchen und Hunger, an denen das ganze Land litt, rafften auch Hunderttausende der Deportierten dahin – 350.000, so der staatstreue türkische Historiker Hikmet Özdemir. Es habe aber keine Vernichtungsabsicht bestanden. Es sei eine Tragödie gewesen, kein Völkermord.

Es gibt auch heute noch Historiker, die diese Sicht vertreten, etwa Norman Stone. „Das Entscheidende für die Klassifizierung als Genozid ist die Vernichtungsabsicht“, sagt er. „Und die ist nicht zweifelsfrei dokumentiert.“

Freilich ist die Ablehnung des Genozid-Begriffs für die Vernichtung der Armenier heutzutage eine Minderheitsmeinung. Auf das Argument, es sei kein Genozid gewesen, weil die Osmanen nur einem Armenier-Aufstand vorbeugen wollten, hat der Turkologe Erik Zürcher eine Antwort. Es sei „irrelevant“, was die Motivation gewesen sei, meint er, „selbst wenn diese Behauptung auf Tatsachen beruht“. Völkermord sei Völkermord.