Kirchenoberhaupt

Morddrohungen gegen den Papst

Franziskus wird nach Äußerungen zum Völkermord an Armeniern in der Türkei angefeindet

Vor einigen Tagen nannte Papst Franziskus den Genozid der osmanischen Regierung an den Armeniern im Jahr 1915 beim Namen: Völkermord. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu nannte den Pontifex sinngemäß einen Hassprediger. Die Türkei akzeptiert den Vorwurf nicht, dass der Osmanische Staat, dessen Rechtsnachfolger die heutige Türkei ist, einen Völkermord begangen habe. Denn dann müssten die Nachfahren der Opfer entschädigt, Grund- und Immobilienbesitz zurückgeben sowie über gestohlene Wertgegenstände Rechenschaft ablegt werden. Mit einem Satz: Die Türkei müsste Gerechtigkeit walten lassen.

Seit den Worten des Papstes fielen führende Politiker der Regierungspartei AKP über das Kirchenoberhaupt her. Allen voran Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, der Franziskus bezichtigte, „Rassismus in Europa“ zu fördern. Einer trieb das Ganze auf die Spitze: Volkan Bozkir, der türkische Minister für EU-Angelegenheiten, der auf die Herkunft des Papstes hinwies: Der sei ja aus Argentinien und „Argentinien ist ein Land, das Nazi-Folterer mit offenen Armen empfing“.

Warum das alles? In der Türkei ist Wahlkampf. Die Regierung benutzt den Papst als Buhmann, um Stimmen im nationalistischen und radikalreligiösen Lager zu sammeln. Staatspräsident Erdogan braucht einen überwältigenden Sieg der Regierungspartei AKP, um seine Macht auszubauen. Allerdings deuten Umfragen auf einen Stimmenzuwachs für die nationalistische MHP hin. Dort will die Regierungspartei nun offenbar Wähler abwerben, genauso wie im Lager der radikalislamistischen Saadet-Partei, aus der Erdogan ursprünglich stammt. Mithin gehören die Papst-Beschimpfungen wohl zu einer organisierten Kampagne, die durch Tausende AKP-treue Twitter-Konten gestützt wird. Tatsächlich scheinen die Nationalisten den Köder zu schlucken und stimmen in den Chor ein. Mit teilweise mörderischem Inhalt. Vielfach wird zur Ermordung des Papstes aufgerufen oder ihm mit dem Tod gedroht.

Die türkische Regierung bedient sich einer Rhetorik gegen Franziskus, die Hass und Gewalt schürt, um daraus politisch einen Vorteil zu ziehen. Leider sind seit Ali Agcas Anschlag gegen Johannes Paul II. im Jahr 1981 türkische Morddrohungen gegen den Papst ernst zu nehmen. Nicht nur verbal mörderisch war eine andere Aktion der Behörden, die wohl auch mit dem Wahlkampf zu erklären ist. In Agri, im Südosten der Türkei, feuerten Militärs bei einer örtlichen Feierlichkeit laut Augenzeugen auf PKK-Sympathisanten. Ein Schusswechsel folgte, mehrere Kurden starben, darunter auch Zivilisten. Vier türkische Soldaten wurden verletzt. Ausgerechnet kurdische Aktivisten halfen, die verletzten Soldaten zu retten. Der türkische Generalstab schien sich in einer Verlautbarung von der Tat zu distanzieren: Man habe auf Geheiß des zivilen Gouverneurs gehandelt.