Kommentar

Das Schlachtfeld des Menschen

Jacques Schuster über das Flüchtlingslager in Jarmuk

Es gibt zwei Arten von Toten – diejenigen, deren Schicksal sich politisch missbrauchen und deren Tragödie sich lautstark betrauern lässt, und diejenigen, welche halt gestorben sind. Im syrischen Jarmuk lässt sich diese Heuchelei gegenwärtig besonders eindringlich beobachten. Seit Monaten werden dort palästinensische Flüchtlinge abgeknallt, erschlagen und ausgehungert, doch weder aus dem Gazastreifen noch dem Westjordanland hört man von Massendemonstrationen oder Aufrufen, den rund 16.000 Brüdern und Schwestern zur Hilfe zu eilen, die in Jarmuk mit dem Tode kämpfen. Dass die Palästinenser dazu sonst in der Lage sind, dass sie zügig sämtliche internationale Foren – von den Vereinten Nationen bis zum Internationalen Strafgerichtshof – zu nutzen wissen, um ihrem Anliegen Kraft zu verleihen, weiß jeder, der sich daran erinnert, was geschieht, wenn nur ein einziger Palästinenser Opfer der Israelis wird.

Wieso schmuggelt die Hamas keine Waffen ins Nachbarland? Der Schleichhandel in umgekehrter Richtung funktioniert doch auch? Wieso greift die Hisbollah nicht ein, um die Eingeschlossenen zu retten? Sonst ist sie doch auch so schnell dabei, sich auf die Seite der palästinensischen Opfer in Israel zu schlagen? Aus welchem Grund finden die Muslime in Deutschland schließlich keinen gemeinsamen Tag für einen Massenprotest gegen die Menschenrechtsverletzungen, die in Syrien geschehen? Im Falle des Gazakriegs ging es doch auch? Die Antworten auf sämtliche dieser Fragen sind klar: Den Genannten ist das Schicksal dieser Menschen gleichgültig, weil ihnen ihr Tod nichts nutzt. Einigen kommt er sogar zugute.

Während sich die syrische Regierung unter ihrem Tyrannen daran freut, die Palästinenser loszuwerden, die sich gegen sie gestellt haben, hält die schiitische Hisbollah zu ihrem syrischen Verbündeten und die sunnitischen und christlichen Palästinenser für ein lohnendes Ziel. Die Mehrheit der Muslime in Deutschland entlädt wiederum lieber ihren Hass auf die Juden und Israel, als den innermuslimischen Krieg zu beklagen. Das Schicksal der Palästinenser kümmert die meisten von ihnen seit jeher wenig.

Jarmuk existiert schon seit einer halben Ewigkeit. Aus welchem Grund Araber, nichts anderes sind die Palästinenser, seit 1957 in diesem syrisch-arabischen Flüchtlingslager hausen müssen, erschließt sich nur demjenigen, der die Geschichte der Heuchelei und Herzlosigkeit kennt. Sie wird sich selbst jetzt nicht ins Gegenteil wenden. Jarmuk bleibt das Schlachtfeld – nicht des Teufels, sondern des Menschen.