Flüchtlingslager

Ein Ort schwersten Leids

Eroberung durch die Terrormiliz IS: Tausende Palästinenser sitzen in Jarmuk in der Falle

Es ist unklar, was man hier eigentlich überhaupt noch erobern will. Journalisten, die an den Rand des rund zwei Quadratkilometer großen Flüchtlingslagers Jarmuk südlich von Damaskus geführt wurden, bot sich ein Bild der Zerstörung: Mehrstöckige Gebäude, die von jahrelangen Kämpfen in verrußte und zerschossene Skelette verwandelt wurden, leere Straßen voller Trümmer mit durchlöcherten Wasserbehältern, zwischen denen ein paar Schafe nach Nahrung suchen. Dennoch gingen laut eines UN-Sprechers auch am Freitag die Kämpfe „mit noch größerer Heftigkeit“ weiter. Bombardements der syrischen Luftwaffe machen die Ruinen dem Erdboden gleich, während Kämpfer des „Islamischen Staats“ (IS) und bewaffnete Palästinenser sich mit Artillerie, schweren Maschinengewehren, Panzerabwehrraketen und Handfeuerwaffen erbitterte Straßenschlachten liefern. Inmitten all dieses Elends kauern rund 16.000 Syrer und Palästinenser zwischen den Trümmern. Die neuen Kämpfe könnten für sie den Todesstoß bedeuten. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon warnte, das Flüchtlingslager drohe sich in ein „Todeslager“ zu verwandeln.

Humanitäres Katastrophengebiet

Selbst in einem Land wie Syrien, in dem der Bürgerkrieg die Hälfte der Bevölkerung in Flüchtlinge verwandelt hat und das Leben Hunderttausender Menschen forderte, gilt Jarmuk als ein Ort besonders schweren Leids. Als die palästinensische Terrororganisation Hamas ihre Solidarität mit den sunnitischen syrischen Rebellen bekundete und diese hier Fuß fassten, zog Syriens Regierung im Dezember 2012 einen Ring um das Lager. Der Damaszener Stadtteil, in dem einst rund 180.000 mittelständische Syrer und Palästinenser Tür an Tür wohnten, verwandelte sich in ein humanitäres Katastrophengebiet. Die Checkpoints der Armee ließen nichts und niemanden hindurch, drinnen versuchten Menschen ohne Nahrung, Wasser, Strom oder medizinische Versorgung zu überleben. Wer konnte, floh. Nur zehn Prozent der ursprünglichen Einwohner, die Ärmsten der Armen, blieben zurück.

In der vergangenen Woche überrannte der IS das Lager in kürzester Zeit. Die wenigen Hilfsorganisationen, die noch hierher gelangten, wurden vom IS als „Spione“ verfolgt und bleiben nun dem Lager fern. Damit gelangen kaum noch Hilfslieferungen zu den ausgehungerten Menschen. „Zivilisten sind in Jarmuk jetzt gefährdeter denn je“, sagt UNRWA-Sprecher Chris Guinness. „Die Lage ist jenseits von verzweifelt. Die Menschen lebten schon vorher am Rande des Existenzminimums.“ Sie können ihre Häuser seit neun Tagen nur unter Lebensgefahr verlassen. „Ich habe mich zwischen Granateneinschlägen und den Schüssen von Scharfschützen aus dem Haus gestohlen, um Nahrung für meine Kinder zu suchen“, sagt ein Bewohner des Lagers der israelischen Nachrichtenseite Ynet. Sein Nachbar tat es ihm nach, und wurde erschossen. „Wenn Du Essen für Deine Kinder suchen willst, nimmst Du am besten gleich auch ein Leichengewand mit“, sagt der Palästinenser.

Nur eine Art von Lieferungen erreicht das Lager anscheinend problemlos: Kisten mit Munition, die Syriens Armee laut Medienberichten ihrem ehemaligen Feind liefert: den bewaffneten palästinensischen Gruppen, die unlängst noch gegen die Regierung, nun aber gegen den IS kämpfen. Der Erfolg des IS in Jarmuk gilt dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad als gleich doppelter Rückschlag: Das Lager liegt nur wenige Kilometer von seinem Palast entfernt und könnte für die Islamisten als Brückenkopf für Angriffe auf die Hauptstadt dienen. Jenseits der militärischen Bedeutung hat die Verlegung der Kämpfe nach Damaskus für Anhänger beider Seiten auch einen großen symbolischen Wert. Denn seit dem siebten Jahrhundert prophezeien islamische Wahrsagungen und Hadithe, – mündliche Überlieferungen des Propheten Mohammed – dass eine „große Schlacht“ zweier muslimischer Armeen rund um Damaskus das Ende aller Zeiten einleiten wird. So glauben manche Schiiten, der Bürgerkrieg läute die Ankunft des Mahdi ein – ein Nachkomme Mohammeds, der vor 1000 Jahren verschwand und wiederkehren soll, um die globale Herrschaft des Islam einzuführen. Sunniten zitieren einen Hadith, laut dem „ein Krieg in Syrien mit einem Kinderspiel anfangen wird, nachdem nichts wieder gutgemacht werden kann.“ Der Bürgerkrieg begann im März 2011 als Soldaten in Daraa Schulkinder folterten, die Graffiti gegen Assad geschrieben hatten.

Bündnis zweier Feinde

Und so ist Assad entschlossen, den IS wieder aus Jarmuk zu vertreiben, selbst wenn er sich dafür mit dem Beelzebub verbünden muss. Genau das schien ihm gelungen zu sein. Eine Delegation der Palästinensischen Autonomiebehörde reiste nach Damaskus, um eine Kooperation zwischen den bewaffneten Gruppen in Jarmuk und ihren Belagerern, der syrischen Armee, zu vereinbaren. Donnerstag verkündete dann der palästinensische Delegationschef Ahmed Madschdalani: „Alle Gruppen unterstützen eine militärische Lösung, die in Kooperation mit dem syrischen Staat umgesetzt werden wird.“ Die Armee und alle wichtigen palästinensischen Widerstandsgruppen hätten sich darauf geeinigt, eine „gemeinsame Kommandozentrale einzurichten“, um das Lager „von Terroristen zu räumen“.