Attacke

Dschihad im Internet

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Ein Hackerangriff mutmaßlicher Islamisten legt den französischen Sender TV5 Monde lahm

In Israel kennt man das Phänomen schon seit Jahren – Hackerangriffe islamistischer Aktivisten auf Webserver und die Infrastruktur. Erst am Dienstag hatten antiisraelische Cyberwar-Aktivisten zum „elektronischen Holocaust“ aufgerufen und millionenfach über das Internet israelische Einrichtungen angegriffen und Webseiten lahmgelegt. Mit dem Hackerangriff auf den französischen Sender TV5 Monde sieht sich nun auch Europa im Fadenkreuz dschihadistischer Netzkrieger. Hacker hatten in der Nacht zum Donnerstag den französischen Sender TV5 Monde lahmgelegt und auf dessen Webseiten zeitweise Propaganda der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) platziert.

„Wir sind noch nicht in der Lage, die Ausstrahlung und Produktion unserer Nachrichten wieder aufzunehmen, aber wir haben die Kontrolle über unsere Facebook- und Twitter-Konten zurückerlangt“, sagte Generaldirektor Yves Bigot am Donnerstag dem Radiosender RTL. Die Rückkehr zum Normalzustand könne aber Tage dauern. Frankreichs Premierminister Manuel Valls verurteilte die Aktion über Twitter als „inakzeptable Verletzung der Informations- und Meinungsfreiheit“.

Angst um kritische Infrastruktur

Alarmiert zeigen sich auch Netzsicherheitsverantwortliche und IT-Experten: „Es ist durchaus denkbar, dass al-Qaida oder der IS Infrastruktureinrichtungen, wie Elektrizitätsversorgung, Gasnetze oder Flugüberwachung, angreifen, um mit ihren Anschlägen eine große Wirkung zu erzielen. Darum müssen wir sicherstellen, dass wir ein Mindestniveau an Schutz für solche kritischen Infrastrukturen haben“, hatte der Anti-Terror-Koordinator der EU, Gilles de Kerchove, noch kurz vor dem IS-Hackerangriff gewarnt.

Der Angriff auf TV5 Monde hatte am Mittwoch gegen 22 Uhr begonnen. Das Fernsehprogramm wurde unterbrochen, auf Webseiten und Social-Media-Konten waren IS-Forderungen zu sehen. Französische Medien zeigten am Donnerstag Screenshots der Facebook-Seite des Senders: Dort ist der Slogan „Je suIS IS“ („Ich bin IS“) zu sehen – eine Anspielung auf die Sympathiekundgebung „Je suis Charlie“ für die Opfer des Terrorangriffs auf die Redaktion des Satireblatts „Charlie Hebdo“.

Ob allerdings tatsächlich Mitglieder oder Sympathisanten der Terrormiliz dahinterstecken, ist unklar. Es sei noch zu früh, um zu wissen, von wo die Attacke ausgeführt wurde, sagte Innenminister Bernard Cazeneuve, der am Vormittag mit zwei weiteren Ministern den Sitz von TV5 Monde in Paris besuchte.

James Lewis vom „Center for Strategic and International Studies“ in Washington sagte der Berliner Morgenpost: „Die Kämpfer des Islamischen Staats haben durchaus Experten mit den Fähigkeiten für einen solchen Angriff in ihren Reihen.“ Allerdings sei dies keine ausgeklügelte Attacke gewesen, sondern ein gezielter Angriff auf ein nur schwach gesichertes Netzwerk, so Lewis. Der IT-Experte William Reymond von der investigativen Webseite Breaking3zero fand heraus, dass der Angriff sich direkt zu zwei Extremisten mit Verbindungen zum IS zurückverfolgen lässt. Der eine sitze in Algerien, der eine Schadsoftware programmiert habe, und ein weiterer im Irak, mit dessen Hilfe die Attacke beschleunigt worden sei.

Professor Peter Neumann vom King’s College London geht hingegen davon aus, dass der IS keine Hacker in Syrien oder im Irak hat, die solch einen Angriff durchführen können. Der Terrorismusforscher sagte WeltN24: „Es handelt sich vermutlich um einen virtuellen Zusammenschluss westlicher Sympathisanten, die im Namen des IS agieren.“ Neumann machte außerdem deutlich: „Die Terroristen haben das Internet als wunden Punkt der westlichen Welt ausgemacht. Das ist ein neues Phänomen und sollte uns als Warnung dienen.“

Drohung gegen Frankreich

Über die Zielrichtung des jüngsten Angriffs auf den französischen TV-Sender herrscht inzwischen Klarheit. Bei Facebook waren Drohungen gegen französische Soldaten zu lesen. „Soldaten Frankreichs, bleibt dem Islamischen Staat fern! Ihr habt die Chance, eure Familien zu retten, nutzt sie!“, zitierte die Agentur. Das „Cyber-Kalifat“ werde seinen „Cyber-Dschihad“ gegen die Feinde des IS fortsetzen, hieß es weiter. Frankreich nimmt am internationalen Militäreinsatz gegen die sunnitischen IS-Extremisten im Irak und in Syrien teil.