Sicherheit

Mangelhafte Überwachung

Ob ein Pilot tauglich ist, entscheidet der Fliegerarzt im Alleingang – ein System ohne Kontrolle

Simon Lederer* hat keine Zweifel, und er erweckt auch nicht den Eindruck, als sähe er irgendeinen Anlass zu zweifeln. „Wie oft ist so etwas in der Vergangenheit bei der Lufthansa vorgekommen?“, fragt der 25-jährige Mann und wartet gar nicht erst auf die Antwort. „Nie!“ Glasklar ist die Sache für den angehenden Piloten von Deutschlands größter Fluggesellschaft, der wie der Germanwings-Copilot Andreas Lubitz in Bremen, Frankfurt und Arizona das Fliegen gelernt hat: Die Katastrophe in den Alpen, dieser Todesflug, war für ihn ein Einzelfall. „Die Kontrollen sind ausreichend. Wir bekommen hier die beste Ausbildung der Welt, und auch die Überprüfung der Piloten ist sehr gut“, sagt Lederer. Natürlich sei er geschockt, „aber ich fange jetzt ganz sicher nicht an, alles infrage zu stellen“, sagt Lederer.

Auch die Lufthansa ist Vorwürfen entgegengetreten, sie habe ihre Informationspflichten gegenüber dem Luftfahrtbundesamt (LBA) verletzt. Die Airline reagierte damit auf Berichte, wonach ihr medizinischer Dienst das Bundesamt womöglich nicht über die abgeklungene schwere Depression des Copiloten informiert hatte. „Lufthansa kommt ihren Informationspflichten gegenüber dem Luftfahrtbundesamt nach“, so das Unternehmen.

Die Fakten zeigen dennoch, dass einiges infrage gestellt gehört. Recherchen der Berliner Morgenpost ergeben kein gutes Bild, wenn es um die medizinische Überwachung von Piloten in Deutschland geht. Die Flugzeugführer werden von einem System überwacht, in dem der einzelne Mediziner mit extrem viel Macht ausgestattet und dadurch zum Teil überfordert ist. In dem Vorschriften nicht richtig angewandt werden oder so beschaffen sind, dass sie sich nicht dazu eignen, Piloten wie Andreas Lubitz auszusortieren.

Es braucht einiges an Fleißarbeit, um die Schwachstellen im System der medizinischen Kontrolle von Piloten zu erkennen. Man muss sich in einen Dschungel aus Regeln und Paragrafen einarbeiten. Und man muss recherchieren, was die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) am Mitgliedsland Deutschland kritisiert. Die Aufgabe der EASA ist es unter anderem, zu kontrollieren, ob die Mitgliedsstaaten einschlägige Regeln zur Sicherheit einhalten und entsprechende Kontrollen vornehmen. Im Fall der Bundesrepublik kommt sie zu keinem guten Ergebnis. Zwar sind die Vorbehalte nicht so schlimm wie zuletzt angenommen, doch dass Beschwerden vorliegen, gibt sogar das LBA zu. Was genau die EASA konkret beanstandet, wird bis heute nicht transparent gemacht.

Sicher ist allerdings, dass die EASA ein ganz besonderes Problem mit Deutschland hat, das es so in anderen Ländern nicht gibt. Der Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung hat dafür gesorgt, dass es hier eine ganz besondere Regelung gibt: Das LBA ist zwar für die Lizenzvergabe an Fliegerärzte und Piloten zuständig, es erfährt aber von den Fliegerärzten erst einmal nichts über die tatsächliche Gesundheit des Piloten. Stattdessen erhält es lediglich die Bestätigung, ob der Pilot tauglich ist oder nicht. Und einen „pseudonomisierten“ Bericht, wie es im Amt heißt. Also eine Zusammenfassung der ärztlichen Untersuchung, die nicht einem Piloten persönlich zugeordnet werden kann. Und die gibt es auch erst seit dem 24. Dezember 2014.

Befreiung von der Schweigepflicht

Dabei ließe sich ein Fall wie der von Andreas Lubitz relativ einfach lösen. Jeder, der eine Lebensversicherung abschließen will, befreit seine Krankenversicherung und seine Ärzte von der Schweigepflicht. Gäbe es eine solche Regelung für Piloten gegenüber dem untersuchenden Flugmediziner, dann hätten die Ärzte der Lufthansa die Krankenversicherung von Andreas Lubitz schon nach seiner längeren Pause während der Ausbildung kontaktieren können. Und dann hätten sie herausgefunden, dass der Bewerber aus Montabaur vor seiner Ausbildung bereits wegen Suizidabsichten in psychotherapeutischer Behandlung war. Das verkündete Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück am Montag vor Ostern in Düsseldorf. Die Ermittler hatten keine Schwierigkeiten, das herauszufinden. Ihnen gegenüber gilt die ärztliche Schweigepflicht nicht mehr. Doch damit sie so weit kommen konnten, mussten 150 Menschen sterben.

* Richtiger Name der Redaktion bekannt