Geld

3,5 Prozent aller Deutschen sind reich

14,7 Prozent gelten als einkommensarm. Gutverdiener geben monatlich 3000 Euro ab

Wer ist arm? Und wie kann man Armut messen? Diese Fragen bewegen die Republik, seit Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) ankündigte, die Definition von Armut verändern zu wollen. Der Ansatz, wonach jeder mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens als arm gelte, „führt leider schnell in die Irre“. Es handle sich um eine relative Größe, die zwar die Spreizung der Einkommen zeige – nicht aber die absolute Armut. Aussagen wie die des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, wonach die Armut in Deutschland einen historischen Höchststand erreicht habe, weist Nahles zurück. Mit solchen Berechnungen laufe die Politik Gefahr, den Blick für wirklich Bedürftige zu verlieren. Der Verband hatte in seinem Armutsbericht geschrieben, 2013 seien rund 12,5 Millionen Menschen in Deutschland arm gewesen. Die Sozialleistungen müssten daher deutlich erhöht und im Gegenzug große Einkommen stärker als bisher zur Finanzierung des Sozialstaats herangezogen werden.

Unterschiedliche Zahlen

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln hält nun mit eigenen Zahlen dagegen. Die Forscher haben analysiert, wer 2014 in Deutschland arm und wer reich ist, wer wie viele Steuern zahlt und wer welche Sozialleistungen erhält. Ergebnis: Bei dem Anteil der Armen an der Bevölkerung kommt das IW auf ähnliche Zahlen wie der Paritätische Wohlfahrtsverband. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Das IW hält das jetzige Maß an Umverteilung für mindestens ausreichend. So seien nur 3,5 Prozent aller Deutschen laut IW reich. Diese kleine Gruppe trage aber schon jetzt einen großen Beitrag zur Finanzierung des Sozialstaats bei. „Saldiert man die betrachteten Transfers, Renten und Abgaben, dann bekommt ein Single der unteren Einkommensschicht durchschnittlich 414 Euro vom Staat, ein Einkommensreicher zahlt knapp 3000 Euro im Monat“, sagt IW-Forscherin Judith Niehues.

Das IW stützt sich bei seinen Zahlen auf die herkömmliche Armutsdefinition von 60 Prozent. Demnach ist ein kinderloser Single arm, der im Monat weniger als 1067 Euro zu Verfügung hat. Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband werden in Deutschland Einpersonenhaushalte mit einem Einkommen von weniger als 892 Euro pro Monat als arm bewertet. So kommen auch die leichten Unterschiede zwischen Wohlfahrtsverband und IW zustande bezüglich der Höhe der Armutsquote in Deutschland: Während laut Paritätischem Wohlfahrtsverband 15,5 Prozent aller Deutschen arm sind, kommt das IW auf eine Quote von 14,7 Prozent.

Reich ist Deutschland laut dem Kölner Wirtschaftsinstitut, wer im Monat netto 4445 Euro in der Tasche hat. Das sind 3,5 Prozent der Bevölkerung. Zwischen Arm und Reich gebe es nach wie vor eine stabile Mittelschicht: Rund 49 Prozent der Bevölkerung gehörten zur Mitte „im engeren Sinne“. Sie verdienen netto rund 1778 Euro im Monat. Seit vielen Jahren sei dieser Anteil mehr oder weniger konstant. Von einer „schrumpfenden Mittelschicht“ oder „Abstiegssorgen der Mitte“ kann laut IW daher keine Rede sein. Im Gegenteil: Seit 2005 weise die Mitte eine bemerkenswerte Stabilität auf.

Kräftige Umverteilung

Aus Sicht der IW-Forscher geht aus den Zahlen hervor, dass in Deutschland schon kräftig von oben nach unten umverteilt wird. „Die Reichen – dazu gehören nur 3,5 Prozent der Bevölkerung – verfügen zwar über einen deutlich überdurchschnittliches Einkommen, zahlen aber auch beinahe 25 Prozent des Einkommensteueraufkommens“, sagt Niehues. Allerdings zeigen die Zahlen auch, dass Gutverdiener bei den Abgaben gut wegkommen. So tragen die Reichen in Deutschland nur sechs Prozent zum Gesamtaufkommen der Sozialbeiträge bei. Dies liegt an der Deckelung der Sozialbeiträge aber einer bestimmten Einkommenshöhe. Die einkommensstarke Mittelschicht steuert dagegen 27,8 und die mittlere Mittelsicht sogar 53,6 Prozent bei.

Internationale Organisationen wie die OECD kritisieren schon lange, die deutsche Mittelschicht leide besonders unter den Sozialbeiträgen, und weniger unter einer zu hohen Steuerbelastung.