Kommentar

Der gläserne Pilot

Jörg Eigendorf über Auskünfte zur Gesundheit von Flugpersonal

Mit jedem Detail zur Gesundheit von Andreas Lubitz wird das Gefühl mulmiger, und die Fragen werden mehr. Wie konnte es sein, dass ein Mensch, der so krank ist, in einem Cockpit sitzt? Warum fiel er bei den jährlichen medizinischen Untersuchungen durchs Raster? Und was wussten das Luftfahrtbundesamt (LBA) und die Lufthansa? War der mutmaßliche Selbstmord von Andreas Lubitz, der auch noch 149 andere Menschen das Leben kostete, ein unvermeidbarer Einzelfall? Oder war es ein Systemfehler? Was in der Frage mündet: Wie gläsern sollten Piloten sein?

Der Reflex ist einfach: Piloten können so viele Menschen ins Unglück schicken, dass man genau darüber nachdenken muss, ob für sie die gewöhnlichen Regeln gelten sollen. Der Copilot war offenbar in Behandlung bei gleich mehreren Neurologen und Psychiatern. In seiner Wohnung wurden Psychopharmaka gefunden. Laut Aussagen eines Lufthansa-Sprechers wusste das Unternehmen nichts davon. Und auch das Luftfahrtbundesamt war offenbar ahnungslos, sonst hätte es vermutlich entschiedener gehandelt. Wobei auch fünf Tage nach der Katastrophe nicht klar war, wer was wusste. Und das trotz anfänglich umfangreicher Kommunikation, die zunehmend widersprüchlich wurde, wenn man die Aussagen abgleicht.

Noch halten sich Politiker mit schnellen Forderungen zurück. Das ist gut so. Denn einfache Lösungen wird es hier nicht geben. Im Fall von Piloten die Ärzte gegenüber der Fluglinie oder dem Luftfahrtbundesamt von der Schweigepflicht zu entbinden, kann die Lösung nicht sein. Auch Piloten haben ein Recht auf Intimsphäre und das Gespräch mit dem Arzt, ohne eine Mitteilung an den Arbeitgeber fürchten zu müssen. Die ärztliche Schweigepflicht ist ein hohes Gut.

Andererseits macht der Fall Andreas Lubitz erhebliche Schwächen im System deutlich. Denn es leuchtet nicht ein, dass die medizinische Betreuung der Piloten so anonymisiert verläuft. So müssen sie die jährliche Kontrolluntersuchung nicht bei den Medizinern ihres Arbeitgebers durchlaufen, sondern bei irgendeinem der lizenzierten Flugärzte in Deutschland. Und während die Lufthansa in den vergangenen Jahren ihren medizinischen Dienst stiefmütterlich behandelt hat, haben andere Fluglinien die Betreuung komplett ausgelagert.

Ob das so bleiben kann, ist eine weitere von vielen Fragen, auf die Antworten gefunden werden müssen. Zur Tagesordnung überzugehen, wäre jedenfalls sehr fahrlässig.