Absturz in den Alpen

Auf der Suche nach Antworten

Zur Ursachenklärung des Airbus-Absturzes in den französischen Alpen fehlte den Ermittlern auch sechs Tage nach der Katastrophe ein zentraler Baustein: Der zweite Flugschreiber ist weiterhin im ausgedehnten Trümmerfeld in der Nähe des Örtchens Seyne-les-Alpes verschollen. „Er wurde immer noch nicht gefunden“, sagte Staatsanwalt Brice Robin am Sonntag. Die Ermittler erhoffen sich von den darauf gespeicherten Flugdaten Aufschluss darüber, was an Bord des Germanwings-Airbus geschah, bevor die Maschine am Dienstag mit 150 Menschen an Bord an einem Bergmassiv zerschellte.

Nach bisherigem Erkenntnisstand brachte der Copilot die Maschine mutwillig zum Absturz. Warum – darauf gibt es noch keine abschließende Antwort. Die Ermittlungsgruppe „Alpen“ des Düsseldorfer Polizeipräsidiums verfügt aber über eindeutige Erkenntnisse über eine schwere „psychosomatische Erkrankung“ des Copiloten Andreas Lubitz. „Der 27-Jährige ist von mehreren Neurologen und Psychiatern behandelt worden“, sagte ein Fahnder. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Germanwings-Piloten in Düsseldorf hätten die Beamten eine Vielzahl von Medikamenten zur Behandlung der psychischen Erkrankung sichergestellt.

Psychosomatische Erkrankungen führen zu körperlichen Symptomen, für die keine klare medizinische Ursache gefunden werden kann. Typische Beispiele sind chronische Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, unklarer Schwindel oder Tinnitus. Psychologen wissen, dass negative Gefühle wie Wut, Angst oder Trauer zu solchen psychosomatischen Beschwerden führen können, wenn sie über einen längeren Zeitraum erlebt werden.

DNA-Spuren am Absturzort

Lubitz litt laut einem Ermittler unter einem „starken subjektiven Überlastungssyndrom“ und war schwer depressiv: „Das geht aus persönlichen Aufzeichnungen hervor, die der Pilot abgelegt und gesammelt hat.“ Der beschlagnahmte Computer und Schriftstücke von Lubitz würden weiter ausgewertet. Ärzte, Freunde, Kollegen und Bekannte des Piloten würden befragt. Auch die Freundin sei angehört worden. Andreas Lubitz war zuletzt vom 19. bis zum 26. März krankgeschrieben, hatte die ärztlichen Bescheinigungen aber nicht bei seinem Arbeitgeber eingereicht.

Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf will frühestens an diesem Montag weitere Ermittlungsergebnisse bekannt geben. Nach Erkenntnissen der Ermittler hat der 27-jährige Copilot seinem Arbeitgeber Germanwings eine Erkrankung verheimlicht. Die Fahnder suchten nach Hinweisen auf ein psychisches Leiden. Sie fanden weder einen Abschiedsbrief noch ein Bekennerschreiben.

Nach einem Bericht der „Bild am Sonntag“ soll Lubitz um seine Fluglizenz gefürchtet haben, da er unter Sehstörungen litt und sich wegen einer möglichen Netzhautablösung gesorgt haben soll. Zudem berichtete das Blatt von weiteren Details des Gesprächs zwischen dem Flugkapitän und dem Copiloten im Cockpit, das auf dem sichergestellten Stimmrekorder aufgezeichnet worden sei. Demnach erzählte der Pilot unter anderem, dass er es in Barcelona nicht geschafft habe, zur Toilette zu gehen. Der Copilot habe ihm daraufhin angeboten, er könne jederzeit übernehmen. Einige Minuten später habe der Flugkapitän dann zu Lubitz gesagt: „Du kannst übernehmen.“ Daraufhin verließ er offenbar die Kabine.

Als sich die Maschine später im Sinkflug befand, ertönte im Cockpit ein automatisches Alarmsignal, wie die „Bild am Sonntag“ weiter berichtete. Der Pilot habe dann offenbar versucht, die Tür zum Cockpit mit Gewalt zu öffnen. „Mach die verdammte Tür auf“, rief er demnach. Auch Schreie der Passagiere seien zu hören gewesen, bevor das Flugzeug dann an dem Bergmassiv zerschellte.

Am Absturzort liegen Trümmerteile und die sterblichen Überreste der toten Insassen in einem unzugänglichen Gelände, das sich über mehrere Hektar erstreckt. Die Bergung der Toten habe absoluten Vorrang, sagte Staatsanwalt Brice Robin am Sonntag. Wenn die Leichen und Leichenteile wie erhofft binnen sieben Tagen geborgen seien, wollten die Ermittler in einer zweiten Phase dann Wrackteile sichern, die für die Recherchen nötig seien. „Wir haben noch keine Opfer identifiziert, sondern DNA-Spuren“, sagte Robin. Die Ermittler haben inzwischen die DNA von 78 Menschen gesichert. Bisher seien die gefundenen DNA-Informationen allerdings noch nicht mit denen der Familien verglichen worden, so Robin.

Angehörige können mit finanzieller Soforthilfe rechnen, um anfallende Ausgaben zu decken. „Lufthansa zahlt bis zu 50.000 Euro pro Passagier“, zitierte der „Tagesspiegel“ einen Germanwings-Sprecher.