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Nigerias Wähler trotzen dem Terror

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Afrikas größte Demokratie wählt einen neuen Präsidenten. Chancen hat ausgerechnet ein Militärdiktator

Überschattet von islamistischer Gewalt und technischen Pannen haben hat in Nigeria am Sonnabend die Präsidentenwahl begonnen. Wegen technischer Probleme bei der elektronischen Registrierung der Wahlberechtigten wurde sie in einigen Wahlbezirken bis Sonntag verlängert. Zu den betroffenen Gebieten gehört auch Lagos, Nigerias größte Stadt am Atlantik.

Rund 70 Millionen Wahlberechtigte sind in Afrikas bevölkerungsreichster Demokratie aufgerufen, sich zwischen dem christlichen Amtsinhaber Goodluck Jonathan oder seinem muslimischen Herausforderer Muhammadu Buhari zu entscheiden. Rund 360.000 Polizisten waren im Einsatz, um Zusammenstöße zwischen Anhängern der großen politischen Lager sowie mögliche Anschläge der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram zu verhindern. Bei der vorangegangenen Wahl im Jahr 2011 waren bei Zusammenstößen Schätzungen zufolge rund 1000 Menschen ums Leben gekommen.

Beobachter rechnen mit einem knappen Wahlausgang. Sie räumen dem 72 Jahre alten früheren Militärdiktator Buhari gute Chancen auf einen Sieg ein. Sollte der 57 Jahre alte Amtsinhaber Jonathan tatsächlich unterliegen, wäre es der erste Wahlsieg der Opposition seit der Rückkehr des westafrikanischen Lands zur Demokratie 1999. Belastbare Ergebnisse werden nicht vor Montag erwartet.

Die Wahl war ursprünglich bereits für den 14. Februar angesetzt, wurde aber wegen des Terrorfeldzugs von Boko Haram im Nordosten des Landes verschoben. Auch am Sonnabend gab es erneut Opfer. Bei einem Anschlag in der Nacht zum Sonnabend im nordöstlichen Dorf Barutai wurden 23 Menschen getötet, einige davon wurden einem örtlichen Beamten zufolge geköpft. Bei zwei Boko-Haram-Angriffen auf Wähler im Nordosten des Landes wurden örtlichen Medienberichten zufolge weitere sechs Menschen getötet. Bei einem Autobombenanschlag auf ein Wahllokal in südöstlichen Enugu hingegen wurde niemand verletzt. Unbekannte Hacker legten zeitweise die Webseite der Wahlkommission lahm. Wähler mussten sich am Sonnabendmorgen zunächst in einem der rund 150.000 Wahllokale registrieren lassen, erst am Nachmittag begann die eigentliche Abstimmung. Nigerianer wählen meist nach ethnischer Abstammung und Religionszugehörigkeit. Ungefähr die Hälfte der 178 Millionen Nigerianer sind Muslime und etwa 45 Prozent sind Christen, hauptsächlich im Süden des Landes.

Erstmals kandidiert eine Frau

Um die Präsidentenwahl zu gewinnen, muss ein Kandidat neben einer absoluten Stimmenmehrheit auch mindestens 25 Prozent der Stimmen in zwei Dritteln der 36 Bundesstaaten des Landes gewinnen. Zur Wahl stehen zwar 14 Kandidaten, erstmals auch eine Frau, aber es läuft klar auf ein Duell zwischen Jonathan und Buhari hinaus. Sollte keiner die nötige Mehrheit erreichen, wäre in zwei Wochen eine Stichwahl fällig. Bislang war das noch nie nötig. Am Sonnabend wird auch ein neues Parlament gewählt.

Goodluck Jonathan von der regierenden Demokratischen Volkspartei (PDP) verspricht politische Kontinuität. Zwar stieg Nigeria nach Jahrzehnten politischer Instabilität unter Jonathan zu Afrikas größter Wirtschaftsmacht auf, doch gelang es dem Präsidenten nicht, Boko Haram zu stoppen. Auch gelten zwei Drittel der Bevölkerung weiter als arm. Jonathans Partei PDP ist seit der Rückkehr zu einer zivilen Regierung vor sechs Jahren an der Macht, muss sich aber einer erstarkten Opposition stellen. Der 57-jährige Christ gilt weder als charismatisch noch als durchsetzungsstark, sondern vielmehr als bescheidener Mann mit gutmütigem Lächeln.

Der promovierte Zoologe und Vater von zwei Kindern steuert seit 2010 die Geschicke des bevölkerungsreichsten Landes in Afrika. Vor fünf Jahren kam der damalige Vizepräsident fast unverhofft zum höchsten Staatsamt, als der muslimische Präsident Umaru Yar’Adua einer Krankheit erlag. Bei der Wahl 2011 präsentierte sich der aus dem Süden des Landes stammende Jonathan für die regierende Demokratische Volkspartei als neue Kraft für den wirtschaftlichen Fortschritt. Er gewann überzeugend.

Muhammadu Buhari von der Partei der Fortschrittlichen (APC) indes präsentiert sich als Nigerias Retter: Er verspricht, die grassierende Korruption einzudämmen und dem Terror ein Ende zu setzen. Buhari hatte in den Jahren 1983 bis 1985 schon einmal an der Staatsspitze gestanden. Der frühere General steht für Disziplin, den Kampf gegen Korruption und eine kompromisslose Haltung bei der Bekämpfung von Boko Haram.

Buharis Anspruch, ein Kandidat der Erneuerung zu sein, beißt sich jedoch mit seiner Vergangenheit. Unter verschiedenen Militärregierungen hatte er zahlreiche Führungspositionen inne. 1983 putschte er sich an die Staatsspitze, seinen Vorgänger ließ er einsperren. Während seiner Regierungszeit setzte er die Verfassung außer Kraft und führte mit eiserner Faust eine Kampagne gegen Korruption und für mehr Disziplin im Staat. Doch die wirtschaftlichen Probleme Nigerias blieben, knapp zwei Jahre später wurde er weggeputscht. Er landete drei Jahre im Gefängnis.

Die sunnitischen Extremisten sind seit 2009 jedes Jahr stärker geworden. Seither sind mindestens 14.000 Menschen bei Anschlägen und Angriffen der Islamisten getötet worden, 1,5 Millionen Menschen sind auf der Flucht.

Boko Haram kämpft mit Gewalt für einen islamischen Staat im mehrheitlich muslimischen Norden Nigerias. Seit dem Jahr 2009 tötete die Gruppe bei Angriffen auf Polizei, Armee, Kirchen und Schulen mehr als 13.000 Menschen. Das nigerianische Militär wird im Kampf gegen Boko Haram mittlerweile von Truppen aus den Nachbarländern Kamerun, Niger und Tschad unterstützt.

( dpa/AFP )