Militär

Stellvertreterkrieg im Jemen

Schiitische Huthi-Rebellen überrennen das Land. Saudi-Arabien greift mit Luftschlägen ein

Die ersten Bomben fielen kurz nach Mitternacht. Saudi-Arabien hat seine Kampfjets in der Nacht auf Donnerstag in Richtung Sanaa, der jemenitischen Hauptstadt geschickt. Dort nahmen die Piloten Militärstellungen ins Visier, in denen sie Milizen der Huthi-Rebellen vermuteten. „Im Minutentakt fielen die Bomben“, berichteten Bewohner aus Sanaa der Morgenpost, „sie treffen allerdings auch andere Häuser.“ Mit bloßen Händen würden die Helfer in den Ruinen nach Überlebenden suchen. Bisher zähle man mindestens 18 tote Zivilisten.

Arme und unzufriedene Bürger

Die militärische Intervention kommt nicht überraschend. Mit ihrem Eingreifen reagieren die Saudis, die in einer Koalition mit mehreren Golfländern und Ägypten kämpfen, auf einen Hilferuf Abed Rabbo Mansur Hadis, den nach saudischem Verständnis legitimen Präsidenten des Jemen. Sein Land ist arm, die Bürger sind unzufrieden und erkennen seinen Staatsapparat nur bedingt an. Der Jemen ist ein Hort des internationalen Terrorismus. Die größte Bedrohung für den Präsidenten sind jedoch die schiitischen Huthi-Rebellen – um sie zu bekämpfen hat Saudi-Arabien nun 100 Flugzeuge, 150.000 Soldaten und mehrere Marineeinheiten bereitgestellt. Die Golfmonarchie hat ein vitales Interesse, den südlichen Nachbarn unter Kontrolle zu halten. Es geht für Saudi-Arabien auch darum, sich den Iran von der Türschwelle zu halten.

Der Huthi-Miliz war es im vergangenen September gelungen, ihr Rückzugsgebiet in den Bergen – nahe der Grenze zu Saudi-Arabien – zu verlassen und bis nach Sanaa vorzudringen. Zunächst übernahmen sie wichtige Ministerien und das Staatsfernsehen. Im Januar stellten sie Präsident Hadi und viele Regierungsmitglieder unter Hausarrest und lösten das Parlament auf. Binnen weniger Wochen brachten die Rebellen weitere Städte unter ihre Kontrolle. Die finanziellen Mittel dafür und auch logistische Hilfe erhielten sie mit aller Wahrscheinlichkeit von einem Erzfeind Saudi-Arabiens: dem Iran.

Das macht die Lage im Jemen so brisant. Denn in dem Land treffen zwei Kräfte aufeinander, die um die Vormacht im Nahen Osten buhlen. Der Jemen droht nun, das Schlachtfeld für diese Auseinandersetzung zu werden. Er wird sich dagegen kaum wehren können. Das Land ganz im Süden der arabischen Halbinsel gilt als das Armenhaus der Golfregion und kann sich nicht auf Erdölreserven verlassen.

Erst 1990 wurde der sozialistische Süden mit seinem nördlichen Bruderstaat zu einem demokratischen Jemen wiedervereint – das war jedenfalls der Plan. Den Staatspräsidenten des ehemaligen Nordens, Ali Abdullah Saleh, gab es dazu. Bis zum Ausbruch der Revolution im Januar 2011 konnte der sich 33 Jahre an der Macht halten und wurde zuletzt 2006 mit einem Wahlergebnis jenseits der 90 Prozent im Amt bestätigt. Dass da etwas nicht stimmen kann, fiel auch im Ausland auf. Seit Jahrzehnten ist der Jemen daher Kernland der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und zahlreicher Bemühungen, das Land zu demokratisieren.

Das Zeitfenster, in dem diese Hoffnungen sich zu erfüllen schienen, stand 2011 nur flüchtig offen. Denn schon ab Januarfegte der „arabische Frühling“ auch durch den Jemen. Die Jugend des Landes, die etwa zwei Drittel der Bevölkerung stellt, ging auf die Straße, um gegen das Regime, dessen Nepotismus und die Korruption zu demonstrieren. Zwar verließ Dauerpräsident Saleh 2012 für kurze Zeit zur medizinischen Behandlung das Land, kehrte aber bald darauf wieder nach Sanaa zurück. Obwohl er nicht mehr im Amt ist, bleibt sein Einfluss auf das politische Schicksal des Landes groß, denn es gelang keiner der Oppositionsgruppen, das entstandene Machtvakuum auszufüllen.

Statt der Revolution ist im Jemen vor allem eines gediehen: der organisierte Terrorismus. Al-Qaida hat den Staat am Abgrund schon vor Jahren als perfekten Rückzugsort erkannt. So etablierte al-Qaida hier in Franchise-Manier einen sehr potenten Ableger auf der arabischen Halbinsel (AQAP), der sich für zahlreiche Anschläge nicht nur in dieser Region verantwortlich zeigt. Zuletzt übernahm das Netzwerk die Verantwortung für die Attentate in Paris Anfang dieses Jahres.

Krise verschärft sich

Die Sehnsucht nach politischen Alternativen zu dem Regimeist auf Seiten der jemenitischen Bevölkerung groß. Und genau damit machen die Huthi-Rebellen Politik. Sie inszenieren sich als Kraft aus dem Volk, sie geben die Retter der Revolution und gelten vielen in der Bevölkerung als einzige Kraft, die sich dem Bombenterror durch al-Qaida effektiv entgegenstellt. Seit Monaten sollen die Rebellen für diesen Kampf Waffen aus Teheran bekommen.

Der Iran hat das Eingreifen Saudi-Arabiens im Jemen scharf kritisiert. Die Luftangriffe des saudischen Königreichs auf die schiitische Huthi-Miliz seien ein gefährlicher Schritt, der die Krise verschärfe, sagte die Sprecherin des Außenministerium in Teheran, Marzieh Afcham, am Donnerstag. Sie sprach von einer Invasion, nannte Saudi-Arabien aber nicht beim Namen.