Bürgerkrieg

Jemen am Rande des Kollaps

Präsident Hadi flieht vor den Huthi-Rebellen. Dem Land droht ein blutiger Bürgerkrieg

Im schwelenden Bürgerkrieg im Jemen gerät Staatschef Abed Rabbo Mansur Hadi immer stärker in die Defensive. Am Mittwoch beschossen Kampfflugzeuge den Präsidentenpalast in der Hafenstadt Aden mit Raketen. Hadi sei daraufhin an einen geheimen Ort geflohen. Einem Vertreter der Präsidentengarde zufolge brachte sich der Staatschef im Ausland in Sicherheit, ein Mitarbeiter Hadis sprach dagegen von einer Unterbringung an einem „sicheren Ort in Aden“.

Der Präsident hatte wegen des Vormarschs der Huthi-Rebellen die Hauptstadt Sanaa Ende Februar verlassen und in der südlichen Hafenstadt Aden Zuflucht gesucht. Von dort aus versucht er, die Macht im Land wiederzuerlangen. Doch nun droht die komplette Machtübernahme durch die schiitischen Huthi, die bis auf 40 Kilometer an die Stadt herangerückt sind. Mit der Einnahme des vor der Stadt gelegenen Luftwaffenstützpunktes al-Anad gelang den Rebellen ein wichtiger militärischer Erfolg. Beobachter nehmen an, dass die Regierungstruppen damit den Zugang zu einigen Kampfflugzeugen eingebüßt haben und damit militärisch weiter an Boden verlieren könnten.

Präsident hofft auf Hilfe

Einwohner berichteten, dass Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes angewiesen worden seien, sich zu bewaffnen. Der Präsident ist nach den Worten seines Büroleiters Mohammed Marem zum Widerstand entschlossen: „Wir rufen die Leute auf, die Reihen zu schließen, und wir sind sicher, dass die Jemeniten und die arabischen Völker es nicht dulden werden, dass Aden geplündert wird.“ Auch um die Provinzhauptstadt Huta nördlich von Aden wurde heftig gekämpft. Anwohner berichteten von schwerem Maschinengewehrfeuer und vielen Toten.

Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen für eine Intervention des Nachbarlandes Saudi-Arabien. Das Königreich ziehe schweres Militärgerät an der Grenze zum Jemen zusammen, hieß es aus Kreisen der US-Regierung. Denkbar sei, dass Saudi-Arabien Luftangriffe zur Unterstützung Hadis plane. Der jemenitische Präsident wird von Saudi-Arabien und anderen sunnitischen Monarchien der Region unterstützt, die Huthi-Miliz vom Iran.

Hadi hatte das Präsidentenamt 2012 im Rahmen eines von den UN und den Golfstaaten gestützten Friedensplans übernommen und wurde der erste Präsident nach der 33-jährigen Ära von Diktator Ali Abdullah Saleh. In den Unruhen rund um den Rückzug Salehs trat Hadi als Vermittler in Erscheinung: Nach einer Verwundung und Flucht Salehs übernahm Hadi im Sommer 2011 die Amtsgeschäfte und gewann den Respekt der politischen Parteien seines Landes. Er war es auch, der Saleh schließlich überzeugte, Ende 2011 einen von den UN gestützten Übergangsplan zu unterzeichnen. Saleh wird von den USA vorgeworfen, das Chaos geschürt zu haben, die UN verhängten Sanktionen gegen ihn. Medien berichteten über Absprachen Salehs mit den Huthi. Außerdem sollen Teile der Armee immer noch loyal zu ihm sein.

Ärmstes Land Arabiens

Der Konflikt im Jemen droht sich zu einem offenen Bürgerkrieg auszuweiten. Die Lage eskalierte zuletzt, nachdem am Freitag bei Bombenanschlägen in dem von den Huthi kontrollierten Sanaa mehr als 130 Menschen getötet wurden. Über das Wochenende nahmen die Huthi-Rebellen mit Taes eine strategisch wichtige Stadt ein.

Der Jemen ist das ärmste Land der Arabischen Halbinsel. Während die Nachbarn am Golf mit ihrem Ölreichtum funktionierende Staaten errichten konnten, fehlt es dem Jemen an Geld, um einen Staatsapparat zu unterhalten. Das Land ganz im Süden der Arabischen Halbinsel wird gleich von mehreren Konfliktlinien durchzogen – die alle zur Destabilisierung des Landes beitragen. Da ist der ehemals sozialistische Süden, der erst 1990 mit dem Nordjemen wiedervereinigt wurde. Und da sind die Huthi-Rebellen, die schon seit Jahren im Norden des Landes für Unruhe sorgen. Al-Qaida hat diesen wirtschaftlichen und politischen Problemfall als idealen Rückzugsort erkannt. Bereits mehrere Anschläge, wie zuletzt die Attentate von Paris, wurden von hier aus zumindest geplant.