Terror

Tod beim Landgang

Es sollte ein entspannter Besuch im Museum werden: In Tunis sterben Passagiere einer Kreuzfahrt bei einem Terroranschlag

Ich dachte erst, der spielt mit einem Plastikgewehr“, sagt Fremdenführer Wassel Bouzidi. Seine Augen sind rot geweint. Gegen 12 Uhr mittags sei er mit einer Gruppe spanischsprachiger Touristen aus dem Bardo-Museum gekommen. „Rund 20 Meter von mir entfernt, auf dem Parkplatz, stand ein Junge, 20 bis 25 Jahre alt, Jeans und Pulli.“ Als die Touristen in den Bus gestiegen seien, habe der Jugendliche plötzlich angefangen zu schießen. „Da habe ich erst begriffen, dass das eine echte Kalaschnikow ist. Und ich bin gerannt.“ Der Junge habe gar nicht wie ein Islamist ausgesehen, fügt er noch hinzu. Mindestens 23 Menschen, heißt es später, kommen bei dem Angriff ums Leben. 17 der Opfer seien ausländische Touristen, sagt der tunesische Ministerpräsident Habib Essid. Darunter sollen auch Deutsche sein. Zudem sterben zwei Tunesier, eine Putzfrau und ein Polizist. Zwei der Angreifer werden bei der Erstürmung des Gebäudes erschossen, zwei bis drei weitere könnten noch auf der Flucht sein.

Der Ort des Angriffs ist den ganzen Nachmittag weiträumig abgeriegelt, Sicherheitskräfte haben alle Zufahrtstraßen zum Parlament und zum Museum abgesperrt, die Straßenbahn hat ihren Verkehr eingestellt. Ein Helikopter der Armee kreist, während die Abgeordneten aus dem angrenzenden Parlament evakuiert werden. Viele haben Tränen in den Augen und stehen sichtlich unter Schock. „Es lebe Tunesien“, ruft Yamina Zoghlami, eine Abgeordnete der islamischen Regierungspartei Ennahda. „Wir lassen uns nicht unterkriegen“, erklärt ein anderer Volksvertreter. „Das ist ein ganz herber Schlag für Tunesien. Und für den Tourismus.“

Als auf einmal Schüsse zu hören waren, habe sie erst nicht verstanden, was da geschehe, erzählt eine Frau, die im Parlament als Putzfrau beschäftigt ist. Dann sei die Polizei ins Gebäude gestürmt, wo die Terroristen eine Gruppe von 20 bis 40 Personen als Geiseln festgehalten hatten und habe sie in einen Raum gebracht. „Wir saßen gut eineinhalb Stunden da drinnen und wussten nicht, was los ist.“ Dann habe man sie aus dem Gebäude geführt. Immer wieder hätten Notarztautos und Krankenwagen das Gebäude verlassen, um Verletzte in Kliniken zu bringen.

Erst nach 15 Uhr wird das Ende der Geiselnahme bekannt gegeben. In Italien, Deutschland, Polen und Spanien – aus diesen Ländern sollen die getöteten Touristen stammen – ist das Entsetzen ebenfalls groß. Die Reisenden waren laut Angaben mit dem italienischen Kreuzfahrtschiff „Costa Fascinosa“ morgens in der tunesischen Hauptstadt angekommen, auch, um das Bardo-Museum zu besuchen. Dieses besitzt neben dem ägyptischen Museum in Kairo die wohl umfassendste archäologische Sammlung in Nordafrika.

Der Angriff kommt für viele Tunesier nicht überraschend. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Angriffen auf Sicherheitskräfte, 2013 wurden zwei Politiker erschossen. Die Geiselnahme am Mittwoch war jedoch der erste Anschlag in der Hauptstadt und der erste auf Zivilisten. An einem Tag, an dem der Rechtsausschuss des Parlaments tagte. Thema der Sitzung war ausgerechnet der Entwurf für ein neues Antiterrorismusgesetz. Tunesiens Sicherheitskräfte gelten als sehr gut ausgebildet – gerade für einen Terrorfall wie diesen. Jetzt müssen sie sich die Frage gefallen lassen, wie es den Terroristen gelingen konnte, Waffen so nah an das Parlament und das bei Touristen so beliebte Museum zu bringen.

Lange Zeit galt das Land als einziges Beispiel einer gelungenen Demokratisierung in der arabischen Welt. In Tunesien startete im Jahr 2011 der „arabische Frühling“. Hier begannen Proteste, die schließlich zum Ende des jahrzehntelang dauernden Regimes von Präsident Zine al-Abidine Ben Ali führten.

Der jetzige Anschlag zeigt aber, wie zerbrechlich das Gleichgewicht des Landes ist. Tunesiens Sicherheitslage hängt auch von der Lage im Nachbarland Libyen ab, das im politischen Chaos versinkt, wo viele tunesische Extremisten auf Seiten islamistischer Milizen kämpfen. Erst am Dienstag meldete das tunesische Innenministerium, dass einer der meistgesuchten Extremisten des Landes, Ahmed al-Rouissi, bei Kämpfen für den „Islamischen Staat“ (IS) in Libyen ums Leben gekommen sei.