Extremismus

Mädchen aus dem Südharz unterwegs zum IS

15-Jährige mit Begleiterin offenbar in die Türkei geflogen

Es ist einer dieser Fälle, der Ermittlern Kopfzerbrechen bereitet und Eltern den Boden unter den Füßen wegzieht. Ein Mädchen, 15 Jahre alt, verschwindet. Die Polizei wird zu Rate gezogen, plötzlich ist auch das Landeskriminalamt involviert. Es stellt sich heraus: Das Kind ist in die Türkei geflogen, zusammen mit einer 18-Jährigen aus Thüringen. Die Aktivitäten der Mädchen im Internet nähren einen bedrohlichen Verdacht: Sie wollen nach Syrien, um sich dort der Terrormiliz IS anzuschließen.

„Wir haben die Ermittlungen aufgenommen, weil es Indizien gibt, dass sie sich möglicherweise Richtung Syrien bewegen möchten“, sagt Andreas von Koß, Sprecher des LKA Sachsen-Anhalt. Die Behörde sucht nach der 15-Jährigen aus Sangerhausen und ihrer Begleiterin, in Zusammenarbeit mit dem LKA Thüringen und dem Bundeskriminalamt. Sie sind in Sorge, dass sich die Jugendlichen in Gefahr befinden. Es sei unklar, ob sie sich schon im IS-Gebiet aufhalten.

Im Umfeld des Mädchens aus Sangerhausen scheint niemand etwas Derartiges bemerkt zu haben. Die Angehörigen seien völlig unvorbereitet getroffen worden, so von Koß. Als beliebt, fleißig, engagiert charakterisieren Mitschüler und Lehrer die 15-Jährige. Das Mädchen war Klassensprecherin und spielte in einer Band.

Keine Berührung mit dem Islam

Aufgewachsen in einer Familie ohne Migrationshintergrund im Südharz, hatte das Mädchen kaum Berührungspunkte zum Islam. Doch im Internet braucht sie nur wenige Klicks, um sich in Foren darüber auszutauschen. Im Internet hätte sie wohl auch ihre spätere Reisebegleiterin kennengelernt, vermuten die Behörden. „Wir wissen, dass es in Sachsen-Anhalt kein klassisches Netzwerk von Dschihadisten gibt, die aktiv auf Werbung gehen. Das passiert über das Internet. Wie diese Kontakte zustande kommen, ist momentan noch Gegenstand der Ermittlungen“, so LKA-Sprecher von Koß. Es sei davon auszugehen, dass die beiden Jugendlichen ihre Reise von langer Hand vorbereitet hätten, um Wege zu finden, unbemerkt auszureisen, heißt es weiter.

Schließlich hätte das 15-jährige Mädchen gar nicht das Land verlassen dürfen. Doch auch dafür geben die Seelenfänger, die über das Netz Jugendliche für den IS rekrutieren, Handreichungen. Minderjährige sollen einen volljährigen Reisebegleiter finden oder eine Reiseerlaubnis ihrer Eltern fälschen. Dass sich auch Frauen und Minderjährige auf den Weg machen, um sich dem IS anzuschließen, ist nicht ungewöhnlich. Neben Ballungszentren, in denen viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, suchen die Rekrutierer der Terrorgruppe auch in Internetforen nach künftigen Kämpfern oder Ehefrauen für ihre Kämpfer. Nach Informationen der „Mitteldeutschen Zeitung“ soll bereits im vergangenen Jahr ein minderjähriges Mädchen aus Sachsen-Anhalt in den Nahen Osten gereist sein und dort einen IS-Kämpfer geheiratet haben.