Kommentar

Revolution als Hobby

Ulf Poschardt über die Krawalle bei der Eröffnung der EZB-Zentrale in Frankfurt/Main

Es gibt kein revolutionäres Subjekt mehr. Die linken Anführer der Republik sind in Politik wie Medien Bürgerkinder, Millionenerben, moralische Selbstbeglücker, die als Gute gegen das Böse kämpfen wollen. Ihr Politikverständnis ist romantisch. Sie glauben, Randale an symbolischen Orten wären der Beginn von etwas ganz Großem. Sie lesen Empörungsbestseller und weiden sich am globalen Elend jener, die als Opfer des Kapitalismus irgendwie durchgehen können. Sie erklären sich zu deren Repräsentanten. Die Ausschreitungen am Mittwoch zeigen, wozu diese Melange aus Kapitalismuskritik, Rebellions-Abenteuerurlaub und medialer Gratisverklärung in der Lage ist. Die Bürgerkinder singen im Zug zur Demo Arbeiterlieder, aber die einzigen Arbeiterkinder sind wohl bei der Polizei zu finden, die sie mit Steinen bewerfen. So geht Klassenkampf.

Die Bürgerkinder haben mit ihrem Vandalismus zumindest für ein paar Stunden den deutsch-europäischen Kern des Finanzkapitalismus in Frankfurt aufgewühlt. Diese Triebabfuhr wird sie beruhigen – und werden sie verhaftet, gibt es in der Regel Eltern, die mit ihren Anwälten die Sache abräumen. Interessanter ist die Frage, wer von der Zukunftskoalition Rot-Rot-Grün zum parlamentarischen Arm dieses Gewaltausbruchs gehört. Die Linke und die grüne Jugend distanzieren sich von Gewalt, aber Katja Kipping postet in den sozialen Netzwerken, dass die Polizei für das Aufheizen der Stimmung verantwortlich ist. Wie auch bei anderen Demonstrationen sind die friedlichen Ideologen nur die Sättigungsbeilage der Rabatz-Touristen.

Die Fixierung auf eine biedere Xenophobie-Parade in Dresden hat den Linksradikalismus bagatellisiert. Im Kampf gegen Rechts sehnten sich die „Antifaschisten“ nach der Wiederholung der Geschichte nicht als Farce, sondern als Heldensaga dank ihrer, die sie doch mit dem „Wehret den Anfängen“ Allerschlimmstes verhindert hätten. Der Bundessprecher der Grünen Jugend zeigt als Titelhelden seines Twitter-Accounts eine vermummte Demonstrantin, hinter ihr grimmige Polizisten. Das ist das Weltbild des Koalitionspartners der (konservativen) CDU in Hessen. Wie geht das zusammen? Auf den ersten Blick gar nicht. Auf den zweiten Blick: gut. Die grüne Jugend sind die Spießer von Morgen. Sie wollen aus ihrem Trott ausbrechen, um irgendwann geläutert den Platz im Establishment einzunehmen. Volker Bouffier weiß das. Wenn’s drauf ankommt, updaten sie die Ideale ihrer Rebellenjugend gerne.