Kommentar

Auf der Suche nach der Idee

Christine Richter über die Zeit nach der Olympia-Entscheidung

Die Enttäuschung ist groß: Am Tag eins nach der Entscheidung des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) merkte man den Berliner Politikern und Sportvertretern an, dass das mit dem Verlieren gar nicht so leicht ist. Nicht, weil man sich des Sieges so sicher war, sondern weil man seit Sonntag zunehmend das Gefühl bekam, vorgeführt, nur als Staffage benutzt worden zu sein. Das überraschend klare Votum der Sportverbände für Hamburg und die Fragen der deutschen Sportvertreter nach der Präsentation der Berliner Olympiabewerbung verstärkten bei den Verantwortlichen den Eindruck, dass es wohl schon lange beschlossene Sache war, sich mit Hamburg für die Olympischen Spiele zu bewerben, dass Berlin nur gebraucht wurde, um sich abzusichern, dass die Sportverbände lieber neue Hallen und ein funkelnagelneues Olympiastadion wollen als sanierte Sportstätten in Berlin.

Verlieren schmerzt, auch weil der Traum von Olympischen Spielen in Berlin damit zum zweiten Mal innerhalb von 20 Jahren geplatzt ist. Aber Berlin wird auch diese Niederlage verkraften, denn dafür ist die Stadt noch immer im Werden, nach wie vor in einem stetigen Veränderungsprozess. Doch aus der Niederlage ergeben sich auch wichtige Fragen – für den Senat, für die Stadtgesellschaft insgesamt.

Was kann Berlin, auch in seiner Funktion als Hauptstadt, für Deutschland tun? Hat das Flughafendesaster am BER so geschadet, dass man Berlin gar keine Großprojekte mehr zutraut? Braucht man für Berlin ein neues Projekt, eine Idee, die die Stadt über die nächsten Jahre trägt? Und wenn ja, kann es gelingen, die Berliner Gesellschaft dafür zu gewinnen? Bekommt man ein partei- oder die sozialen Schichten übergreifendes Projekt hin, das die Stadt auch noch voranbringt? Interessanterweise beklagten gerade diejenigen, die sich der Idee „Olympische Spiele“ viele Wochen lang verweigerten, am Montagabend dann, dass es nicht gelungen sei, die Stadtgesellschaft eben dafür zu begeistern.

Olympia hätte ein solches Berlin-Projekt sein können. Vielleicht wird das nun die Gestaltung der neuen Mitte, das Areal rund um das noch mit Leben zu füllende Humboldt-Forum. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat in der vergangenen Woche eine Debatte darüber angestoßen – die wegen der möglichen Mehrkosten viel Kritik ausgelöst hat, die es aber auch zu führen lohnt. Denn mit dem Stadtschloss wird sich auch Berlin wieder verändern. Und damit die Berliner.