Terror

„Der dritte Schlag reißt dir den Kopf ab“

Sechs Monate war der spanische Reporter Javier Espinosa Geisel des IS um „Jihadi John“. Jetzt hat er sein Martyrium aufgeschrieben

„Sollen wir lieber deinen Freund erschießen? Willst du die Verantwortung für seinen Tod tragen?“, schrie „Jihadi John“ seine Geisel an. Falls Javier Espinosa jemals Hoffnung gehabt hätte, dass seine Entführer noch ein kleines Stück Menschlichkeit in sich trugen, sie zerfiel in jenem Moment Anfang 2014. 194 Tage war der Reporter der spanischen Zeitung „El Mundo“ Gefangener der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS), genauer der sogenannten Beatles – der Gruppe um den Briten Mohammed Emwazi, der vor wenigen Wochen als „Jihadi John“ enttarnt wurde.

Espinosa hat sein Martyrium jetzt für das spanische Blatt aufgeschrieben, und sein Bericht geht über die bereits bekannte, jede menschliche Regung ausschließende Barbarei des IS hinaus. „Sie hatten mich auf den Boden gesetzt. Barfuß. Den Kopf rasiert. Mit einem wilden Bart und der orangefarbenen Uniform, die ihre traurige Berühmtheit in Guantánamo erlangt hat“, schreibt Espinosa.

„John wollte es noch dramatischer. Er strich den Säbel über meinen Hals. ,Spürst du ihn? Kalt, nicht wahr? Stellst du dir schon den Schmerz vor, wenn ich zuschlage? Ein unvorstellbarer Schmerz. Mit dem ersten Schlag schneide ich dir die Venen durch. Das Blut mischt sich mit Speichel.‘ “

In seiner Hand hielt „Jihadi John“ einen antiken Säbel, der Griff versilbert, die Klinge einen guten Meter lang. Vermutlich eine Waffe, wie sie die muselmanischen Heere im Mittelalter benutzten. „Der zweite Schlag öffnet dir den Hals“, fuhr „Jihadi John“ fort. „Dann atmest du nur noch durch die Speiseröhre. Das macht ganz lustige kehlige Geräusche, das habe ich schon früher gesehen. Ihr krümmt euch wie Schweine. Der dritte Schlag reißt dir den Kopf ab. Den setze ich dir dann auf den Rücken.“

Danach griff der Terrorist zu einer Glock-Pistole und setzte sie Espinosa auf den Nacken. „Klick. Klick. Klick.“ Die Waffe war nicht geladen. Neben Espinosa hockte sein Fotograf Ricardo García Vilanova, die Augen verbunden. Er könne ja jetzt auch seinen Freund erschießen, brüllte der Fanatiker.

Den Geiseln seien Fotos bereits getöteter Gefangener gezeigt worden. Durch die Zellenwände hätten sie nächtelang Schreie und Schläge sowie vereinzelte Schüsse gehört.

„Gefangener Nummer 43“ heißt die Erzählung von Espinosa. 43 war die Zahl, die auf dem Rücken seines orangefarbenen Gefangenenanzugs stand. Insgesamt 23 Europäer, US-Amerikaner und eine Lateinamerikanerin gehörten zu Espinosas Geiselgruppe. 15, darunter er und zwei spanische Kollegen, kamen frei. Sechs, darunter der US-Fotograf James Foley und der britische Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, Alan Henning, wurden ermordet. Foley war das erste Hinrichtungsopfer der Terrorgruppe IS, das zu Propagandazwecken vor laufender Kamera hingerichtet wurde. Die US-Amerikanerin Kayla Mueller, die ebenfalls für eine Hilfsorganisation arbeitete, starb laut IS bei einem jordanischen Luftangriff. Ob diese Darstellung der Wahrheit entspricht, lässt sich jedoch nicht mit Sicherheit sagen. Die Frau hatte anderthalb Jahre in den Händen der Terrormilizen verbracht. Der Brite John Cantlie ist – als Sprachrohr der Fanatiker missbraucht – noch immer in Gefangenschaft.

Während die britische und die USRegierung die Zahlung von Lösegeld kategorisch ablehnen, haben andere Regierungen in der Vergangenheit für die Freilassung von Gefangenen der al-Quaida oder von IS gezahlt. Offizielle Bestätigungen gibt es dafür allerdings nicht. Espinosa, der vor einem Jahr freikam, schrieb das Erlebte erst jetzt auf. „Jihadi John“ und seine Begleiter hatten gedroht, die anderen Geiseln zu töten, wenn sie in die Medien gingen, „bevor das hier alles abgeschlossen ist“. Welch unfassbarer Zynismus.