Humanitäre Krise

Jahrestag der Unmenschlichkeit

Vor vier Jahren begann der Konflikt in Syrien. Es droht der Verlust einer ganzen Generation

Es ist „der Jahrestag der Unmenschlichkeit“, nur so lasse sich beschreiben, was die Kinder in Syrien seit vier Jahren erleiden, sagte am Donnerstag Unicef-Geschäftsführer Christian Schneider in Berlin. Gemeinsam mit Daniela Schadt, Lebensgefährtin des Bundespräsidenten und Schirmherrin der UN-Hilfsorganisation, und Hanaa Singer, Leiterin von Unicef in Syrien, sprach er im Haus der Bundespressekonferenz über die Folgen des anhaltenden Syrien-Konfliktes. „14 Millionen Kinder und Jugendliche sind heute im Nahen Osten von Gewalt, Flucht, wachsender Armut, Ausbeutung und Hoffnungslosigkeit betroffen.“ Zu den 14 Millionen zählt die Organisation betroffene Kindern in Syrien und in den Nachbarstaaten Jordanien, Türkei im Libanon und im Irak. UN-Flüchtlingskommissar António Guterres sprach am Donnerstag von der schlimmsten humanitären Krise der Gegenwart und von einem albtraumhaften Leid.

Schneider berichtete von 2000 Fällen von Menschenrechtsverletzungen, die bewusst an syrischen Kindern verübt worden seien. Bislang hat Unicef drei Tätergruppen identifiziert: die syrische Armee, die islamistische Al-Nusra-Front und die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Nicht nur die Terroristen würden Kinder als Kämpfer rekrutieren, auch in anderen bewaffneten Gruppen kämpften Kinder, die teils als Köche oder Spione eingesetzt würden.

Parallel dazu wurde in New York der Bericht „Failing Syria“ veröffentlicht. Darin kritisieren internationale Hilfswerke die Arbeit der Vereinten Nationen, denn der Zugang zu Hilfsgütern habe sich nicht verbessert. Die Nothilfe entspreche immer weniger dem tatsächlichen Bedarf. Der UN-Sicherheitsrat hatte im vergangenen Jahr drei Resolutionen zu Syrien beschlossen, um den Zivilisten Schutz und Hilfe zu gewährleisten. Nach Auffassung der Hilfswerke haben Konfliktparteien, Mitglieder des Sicherheitsrates und andere UN-Mitgliedsstaaten die Resolutionen aber ignoriert oder untergraben. Deshalb fordern die Organisationen, darunter das Norwegian Refugee Council, Oxfam und World Vision, ein entschlosseneres Handeln der internationalen Gemeinschaft.

Am 15. März 2011 begannen die Proteste gegen Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Auslöser war neben dem „arabischen Frühling“ die Aktion einiger Jugendlicher, die zuvor in der syrischen Stadt Daraa „Nieder mit dem Präsidenten“ an eine Schulmauer gesprüht hatten. Sie wurden mehr als 30 Tage festgehalten, während ihre Eltern und Angehörigen sich für sie einsetzten und im Land die Proteste losgingen.

Das Leiden im Land

Am schlimmsten sei die Situation weiter innerhalb Syriens, sagte Hanaa Singer, die von Damaskus aus die Arbeit von Unicef im Land steuert. In den vergangenen Jahren seien dort 10.000 Kinder getötet worden. 5,6 Millionen Mädchen und Jungen leben derzeit in einer akuten Notsituation und bis zu zwei Millionen Kinder seien von jeglicher Hilfe abgeschnitten. „Und natürlich sind diese Kinder traumatisiert, einige von ihnen mussten miterleben, wie Angehörige durch Bomben starben, andere wurden sogar gezwungen, sich Hinrichtungen anzusehen“, so Singer. Neben Hunger, schlechter Wasserversorgung und mangelnder ärztlicher Betreuung – nur ein Drittel der syrischen Krankenhäuser sei noch in Betrieb – litten die Kinder auch unter mangelndem Unterricht. 50.000 Lehrer seien geflohen. „Doch was mich begeistert, ist, dass viele Kinder ihre Träume nicht aufgeben wollen. Sie wollen Ärzte, Architekten oder Sternekoch werden und bestehen darauf, zur Schule zu gehen.“

Bislang wenig Geld für Hilfen

Daniela Schadt, die mehrere Flüchtlingslager, zuletzt in Jordanien, besucht hat, erzählte von einem 14-jährigen Mädchen, das seit vier Jahren im jordanischen Camp Zaatari lebt. „Ihre Geschichte – neben all ihren Verlusten und Erinnerungen – ist so schlimm, weil sie schon ein Drittel ihres Lebens in einem Lager lebt.“ Die Kinder dort wünschen sich einfache Dinge wie etwas „Grünes“ – denn Zaatari liegt in der Wüste –, oder einen Schulweg, der nicht mehr so steinig ist, oder einfach nur Strom in ihrem Container. Schadt appellierte, zu helfen: „Das ist unsere ethische Verpflichtung.“ Sonst drohe der Verlust einer ganzen Generation. Laut Unicef sind allein 114.000 syrische Kinder seit Beginn des Konflikts als Flüchtlinge geboren. Mehr als 720.000 Kinder haben inzwischen von Unicef psychologische Betreuung in den Camps erhalten.

Die Resonanz auf den jüngsten Hilfsappell für Syrien sei bislang gering. Hanaa Singer hofft auf weitere Zusagen bei einer Geberkonferenz Ende März in Kuwait. „Wir schätzen, dass wir in diesem Jahr 297 Millionen US-Dollar (rund 280 Millionen Euro) in Syrien brauchen werden, davon sind bisher erst drei Prozent eingegangen“, erklärte Singer. Für die Hilfen in der gesamten Konfliktregion veranschlagt Unicef dieses Jahr 903,5 Millionen Dollar.

Bereits 2014 hatte Unicef wegen fehlender Finanzmittel nicht alle Hilfsprojekte umsetzen können. Hanaa Singer: „Unsere Prioritäten sind sauberes Wasser, Schulbildung und Hilfe für traumatisierte Kinder.“ Deutschland und die USA sind für die Arbeit der Organisation vor Ort die wichtigsten Geberländer. Rund zehn Millionen Euro sind seit 2012 von privaten Spendern aus Deutschland nach Syrien gegangen.